Mein Tōhoku-Winterabenteuer: Sendai – Kannon, Date Masamune und Gyūtan – das Highlight meiner Reise (#21)

Sendai Daikannon, 3. Januar 2025

📍 Sendai (仙台)
🗾 Präfektur Nr. 13: Miyagi, Region: Tōhoku
📅 Reisezeit: 2- 4. Januar 2025

Ich komme nun zum finalen Teil meiner Tōhoku-Reise. Zuvor schrieb ich bereits Reiseberichte über meine Erfahrungen in Aomori sowie in der Präfektur Iwate (Morioka/Hiraizumi) – die ersten beiden Stationen meiner großen Winterreise in Japan. Jetzt folgt der dritte und letzte Teil. Und die Stadt, die ich als finales Ziel wählte, stand tatsächlich schon seit einer ganzen Weile auf meiner To-Visit-Liste: Sendai, die größte Stadt der Tōhoku-Region.

Rückblickend betrachtet, wusste ich über Sendai anfangs erstaunlich wenig. Ich wusste, dass sich die Stadt in der Präfektur Miyagi befindet und dort auch die renommierte Tōhoku-Universität liegt. Ich erinnere mich, dass ich einmal kurz zwei Austauschstudierende dieser Universität getroffen habe, die überrascht waren, dass ich Sendai überhaupt kannte. Dabei ist Sendai keineswegs eine kleine Stadt – sie gehört immerhin zu den Millionenstädten Japans und belegt im landesweiten Ranking der bevölkerungsreichsten Städte Platz 12.

Eine Sehenswürdigkeit in Sendai wollte ich schon lange unbedingt sehen: die Sendai Daikannon – eine riesige Kannon-Statue, die bereits auf Fotos beeindruckend wirkte. Ich hatte zuvor noch nie eine so gigantische Statue gesehen und wollte sie mir auf keinen Fall entgehen lassen. Umso erstaunlicher fand ich, dass die Daikannon-Statue offenbar gar nicht zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Sendais zählt. Als ich ChatGPT nach den wichtigsten Sightseeing-Spots in Sendai fragte, tauchte sie dort gar nicht auf. Auch in Reiseführern und Japan-Blogs, die ich mir ansah, wurde sie nicht immer erwähnt.

Mich erwarteten zwei aufregende Tage in Sendai – einer Stadt, die mich im Nachhinein zu den beeindruckendsten Orten zählt, die ich in Japan besucht habe. Was hat Sendai also noch zu bieten? Welches lokale Gericht probierte ich dort? Und welche Café-Kette entdeckte ich in Sendai, die später zu einer meiner Lieblingsketten wurde?
Das alles in diesem Beitrag.

Shinkansen Ticket von Morioka nach Sendai, 2. Januar 2025

Angekommen in Sendai - erste Eindrücke und Café Veloce

Am Mittag des 2. Januar kam ich in Sendai an. Bis zum Check-in im Hotel hatte ich noch über zwei Stunden Zeit.
Der Bahnhof Sendai war riesig – das Gebäude erstreckte sich über ganze sieben Etagen. Und obwohl es so groß war, war es keineswegs so unübersichtlich, dass man sich hoffnungslos verlaufen würde, wie es auf manchen Bahnhöfen in Osaka oder Tokio leicht passieren kann.

Die Stadt, die mich hinter dem Bahnhofsausgang begrüßte, wirkte lebendig und groß. Kleinere Hochhäuser, Einkaufszentren sowie unzählige Cafés und Restaurants umgaben den Bahnhof. Die Menge an Menschen erinnerte mich an manche Orte in Osaka – und doch war es hier nicht ganz so überfüllt und hektisch.

Am Bahnhof Sendai, 2. Januar 2025

Am Bahnhof Sendai, 2. Januar 2025

Als Erstes machte ich mich auf den Weg zu meinem Hotel. Es war allerdings noch zu früh für den Check-in. Dieses Mal hatte ich ein Hotel der KOKO-Kette gebucht – genauer gesagt das KOKO Hotel Sendai-Eki Minami. Da es in der Nähe ein weiteres Hotel derselben Kette gab, wollte ich sicherstellen, dass ich auch wirklich beim richtigen ankam. Nachdem ich es gefunden hatte, beschloss ich, mich zunächst etwas zu stärken. Es war schon Mittag, aber da ich noch nichts gegessen hatte, fühlte es sich eher wie ein spätes Frühstück an.

Ich kehrte also zu den belebten Straßen in der Nähe des Bahnhofs zurück und hielt Ausschau nach einem Ort, an dem ich etwas essen konnte. Mir war mehr nach einem gemütlichen Café als nach einem Restaurant mit größeren Mahlzeiten. Nach einigem Hin- und Herlaufen fiel mir schließlich ein Café mit einer Katze im Logo auf: Café Veloce. Es war kein Katzencafé, hatte aber durch das Logo sofort etwas Charmantes – also beschloss ich, dort einzukehren.

Die Atmosphäre gefiel mir auf Anhieb. Das Café war überraschend groß und hatte sogar zwei Etagen. Ich bestellte mir ein Sandwich mit Schinken und Käse, das freundlicherweise aufgewärmt wurde, und dazu einen Schwarztee mit Zitrone. Mein „Mittagsfrühstück“ war perfekt – und dank der Steckdosen an den Sitzplätzen konnte ich auch mein Smartphone aufladen. Das machte alles noch besser, und ich genoss mein Sandwich mit großem Appetit.

Mein Frühstück beim Café Veloce, Sendai, 2. Januar 2025

Der Tag meiner Ankunft in Sendai war außerdem der sonnigste (und wohl auch der wärmste) Tag meiner Tōhoku-Reise bis zu dem Tag. Von Schnee war diesmal keine Spur zu sehen – mit jedem weiteren Ziel hatte die Schneemenge abgenommen, und das Wetter war immer milder geworden. In Sendai war es zur Zeit meines Aufenthalts fast so warm wie in Osaka, obwohl die Stadt deutlich weiter im Norden Japans liegt.

Burgruinen, Date Masamune, schöne Ausblicke und (wieder) viele Menschen

Ich hatte noch gut eineinhalb Stunden bis zum Check-in, also beschloss ich, mit dem Sightseeing schon vorher zu beginnen. Eines der Ziele auf meiner Liste waren die Ruinen der Burg Sendai. In der Nähe entdeckte ich auf der Karte den Gokoku-Schrein, der ziemlich schön aussah. Außerdem stellte sich heraus, dass ich ganz bequem mit der U-Bahn dorthin fahren konnte.

Ich machte mich also auf den Weg zur U-Bahn. Ich brauchte die Tōzai-Linie in Richtung Yagiyama Zoological Park und musste bis zur Station International Center fahren. Die Fahrt dauerte etwa zehn Minuten. Dabei fiel mir auf, wie sauber und gepflegt die U-Bahn-Stationen und Züge in Sendai waren. Auch bemerkte ich, dass die Züge weniger Waggons hatten und etwas schmaler waren als jene in Osaka – aber es genügte völlig. Die U-Bahn war gut genutzt, aber keineswegs überfüllt. Später erfuhr ich, dass die Tōzai-Linie erst 2015 eröffnet wurde und somit noch als relativ neu gilt.

Die Umgebung der Station International Center wirkte angenehm ruhig, obwohl sich ganz in der Nähe die Tohoku-Universität, das Sendai-Stadtmuseum und natürlich mein Ziel – die Burgruinen – befanden. Andererseits, dachte ich, war es der 2. Januar: viele Menschen hatten zu dieser Zeit noch Ferien oder Urlaub. Ich spazierte durch den Aobayama-Park und dachte, dass es bestimmt kein schlechter Ort wäre, um dort zu studieren. Hätte es mit Osaka nicht geklappt und ich wäre stattdessen an die Tohoku-Uni gekommen, wäre ich darüber wahrscheinlich auch nicht allzu traurig gewesen. Doch dann fiel mir wieder ein, dass die Tohoku-Region für ihre Erdbeben bekannt ist – und ich dachte: Es ist gut so, wie es ist.

Aobayama Park, Sendai, 2. Januar 2025

Nachdem ich den ganzen Park durchquert hatte, erreichte ich schließlich den steilen Weg, der zu den Burgruinen hinaufführte. Irgendwo dort oben sollte sich auch der Gokoku-Schrein befinden. Es waren deutlich mehr Menschen unterwegs als zuvor, und alle mühten sich mit dem langen Anstieg.

Nach meinen Erfahrungen in Tottori überraschte mich das nicht mehr: Viele japanische Burgen wurden strategisch auf Hügeln oder kleinen Bergen errichtet. Noch eine kleine Wanderung? — Ich war dabei. Auch wenn ich normalerweise kein großer Fan des Bergsteigens bin, wollte ich den schönen Blick auf Sendai auf keinen Fall verpassen. Und wer weiß – vielleicht würde ich sogar schon einen Blick auf die Sendai Daikannon erhaschen. Ich wusste bereits, dass die riesige Statue, deren Besuch ich mir für den nächsten Tag aufhob, in einem anderen Teil der Stadt stand.


Auf dem Weg zu den Burgruinen, Sendai, 2. Januar 2025

Oben angekommen, erwartete mich die Aussichtsplattform. Von der Burg selbst war nicht mehr viel übrig: ein paar Mauern, einzelne kleine Gebäude – mehr Erinnerungen als Ruinen. Dafür ragte eine eindrucksvolle Statue eines samuraiähnlichen Reiters mit gehörnter Helmzier in die Höhe. Schnell stellte sich heraus, dass es niemand Geringeres als Date Masamune war, der Gründer der Stadt Sendai. Ein berühmter Daimyo, ein brillanter Schwertkämpfer und Taktiker – und in Sendai sogar als Kami verehrt. Sein charakteristischer, gehörnter Helm soll schon zu Lebzeiten dazu beigetragen haben, dass er als furchteinflößend galt.

Die Aussichtsplattform mit der Date Masamune-Statue im Hintergrund, Sendai, 2. Januar 2025

Date Masamune, Sendai, 2. Januar 2025

Der Blick über Sendai war faszinierend: eine Großstadt, ja — aber ohne die drückende Überfülle von Osaka. Die Skyline wirkte bescheidener, sowohl in Höhe als auch Anzahl der Gebäude. Gleichzeitig sah man gut, wie weit sich die Stadt tatsächlich ausbreitet. Und wie immer im Norden Japans: Berge im Hintergrund, als ruhige Wächter am Horizont.

Nach einigem Suchen entdeckte ich schließlich auch die Kannon-Statue. Sie war zwar zu sehen, wirkte aus dieser Entfernung jedoch kleiner und überraschend unauffällig. Aber aus nächster Nähe, dachte ich mir, wird sie sicherlich ein ganz anderes Gefühl vermitteln.

Die Skyline von Sendai, Blick von der Aussichtsplattform 2. Januar 2025

Die Skyline von Sendai, Blick von der Aussichtsplattform 2. Januar 2025 (Die Daikannon-Statue ist am linken Rand sichtbar)

Die Skyline von Sendai, Blick von der Aussichtsplattform 2. Januar 2025

Unweit der Aussichtsplattform entdeckte ich einen Souvenirshop – und dort wurde mir schnell klar, welchen Kultstatus Date Masamune in Sendai wirklich besitzt. Überall sah man Souvenirs mit seinem ikonischen, gehörnten Helm. Nicht die Daikannon, wie ich zunächst dachte, sondern Masamune selbst ist das unangefochtene Wahrzeichen der Stadt.

Ganz in der Nähe lag auch der Gokoku-Schrein. Wie schon am Vortag in Morioka und Hiraizumi war auch hier eine lange Schlange vor dem Altar. Ich war etwas enttäuscht, denn schöne Fotos vom Schrein waren so kaum möglich. Shō ga nai, dachte ich mir – es lässt sich eben nicht ändern. Es war schließlich der 2. Januar, und in der größten Stadt Tōhokus war es nur logisch, auf Menschenmengen zu treffen.

Trotzdem gefiel mir die Atmosphäre sehr: zu beobachten, wie die Menschen aus Sendai ihr Omairi machten, wirkte irgendwie festlich und besinnlich. Nicht jeder schafft es schließlich am 1. Januar – am 2. kann man es auch noch nachholen. Der rote Schrein erinnerte mich ein wenig an den Hachimangū in Morioka, den ich zwei Tage zuvor besucht hatte. Ein schöner Ort, um ins neue Jahr zu starten.

Eingang zum Gokoku-Schrein, Sendai, 2. Januar 2025

Gokoku-Schrein, Sendai, 2. Januar 2025

Gokoku-Schrein, Sendai, 2. Januar 2025

Ich schlenderte noch etwas durch das Schreingelände, ging ein letztes Mal zur Aussichtsplattform zurück und warf einen weiteren Blick auf Date Masamune und die Stadt, bevor ich mich auf den Rückweg machte.

Zurück an der Station International Center fiel mir auf, dass ich in Sendai zwar meine ICOCA verwenden konnte, die Stadt aber auch ihre eigene IC-Karte hatte: die ICSCA (gesprochen ikusuka). Nach kurzem Überlegen beschloss ich, mir eine zuzulegen – auch wenn sie in Osaka wohl kaum zu gebrauchen sein würde. Aber gerade weil sie eher selten ist, fand ich sie als Andenken perfekt.

Damit machte ich mich schließlich auf den Weg zurück ins Hotel, um einzuchecken.

Koko Hotel Sendai Eki Minami - günstig und gemütlich

Zurück am Bahnhof Sendai machte ich mich direkt auf den Weg zu meinem Hotel. Da ich bereits wusste, wo es lag, fand ich es schnell wieder. Beim Check-in erhielt ich eine hölzerne Zimmerkarte – das war neu für mich. Bis dahin kannte ich nur Hotelkarten aus Plastik. Vielleicht ist das ja ein Markenzeichen der Koko-Hotel-Kette, dachte ich.

Mein Zimmer überraschte mich positiv: angenehm warm, gemütliches Licht, ein bequemes Bett. Für mich allein war die Größe perfekt – zu zweit könnte es vielleicht etwas eng werden, aber vermutlich ginge das auch noch klar. Außerdem gab es einen Fernseher, einen Wasserkocher und sogar eine speziell erwärmbare Tasse für Kaffee. Im Bad erwartete mich das übliche Standard-Set mit Shampoo, Duschgel und Conditioner.

Für zwei Nächte zahlte ich 13.963 Yen – knapp 80 Euro. Ein wirklich fairer Preis für ein Hotel so nah am Bahnhof mitten in der größten Stadt Tōhokus.

Mein Zimmer im Hotel Koko Hotel Sendai Eki Minami, 2. Januar 2025

Mein Zimmer im Hotel Koko Hotel Sendai Eki Minami, 2. Januar 2025

Mein Zimmer im Hotel Koko Hotel Sendai Eki Minami, 2. Januar 2025

Die hölzerne Zimmerkarte

Ich legte mich erstmal kurz hin. Nach mehreren Stunden unterwegs war ich ziemlich müde, und am Abend wollte ich unbedingt noch die lokale Spezialität Gyutan probieren. Also gönnte ich mir etwas Ruhe und schaute ein paar YouTube-Videos, bevor ich wieder loszog.

Gyutan – die Spezialität Sendais

Ich suchte auf Google Maps nach Restaurants, die Gyutan anboten, und fand eines etwa zehn Minuten zu Fuß von meinem Hotel entfernt: Rikyu (利久) – eine Kette, die sich offenbar auf Gyutan spezialisiert hat. Schon als ich ankam, sah ich, dass der Laden beliebt war: eine kleine Schlange wartete vor dem Eingang. Nach etwa 20 Minuten war ich endlich an der Reihe.

Die Bestellung erfolgte über einen QR-Code. Vor meinem Jahr in Japan war ich daran noch nicht so gewöhnt, doch inzwischen merkte ich immer häufiger, dass diese Bestellform weit verbreitet ist – zum Beispiel auch bei Saizeriya, oft ergänzt durch ein Tablet. Hier jedoch musste ich komplett über mein Smartphone bestellen. Und da ich damals noch keine japanische SIM-Karte hatte, war ich froh über ein Wi-Fi-Signal vom Nachbarladen, das mich gerade so versorgte.

Natürlich bestellte ich Gyutan – und dazu ein Coke High. Dieses Getränk passt meiner Meinung nach immer sehr gut zu gegrilltem Fleisch, egal ob Gyutan oder Yakiniku.

Nach kurzer Wartezeit wurde mir die berühmte Spezialität Sendais serviert: sechs Scheiben gebratene Rinderzunge, dazu etwas Gemüse. Ich probierte das erste Stück – und war positiv überrascht. Außen leicht knusprig, innen elastisch und zugleich saftig: ein wirklich angenehmes Geschmackserlebnis.

Gyutan und Coke High, Rikyu, Sendai, 2. Januar 2025

Ich genoss mein Gyutan und das Coke High, und war rundum zufrieden. Das Warten hatte sich definitiv gelohnt. Kein Wunder, dass Gyutan die bekannteste Spezialität der Stadt ist. An einem meiner ersten Tage an der Uni wurde ich sogar direkt gefragt, ob ich in Sendai Gyutan probiert hätte – und ich konnte stolz „Ja!“ sagen. Auch in Osaka gibt es einige Restaurants, die Sendai-Gyutan anbieten.

Nach dem Essen machte ich einen kleinen Abendspaziergang. Ich lief durch die Clis Road, vorbei an vielen Geschäften, und gelangte wieder auf die belebte Straße in Richtung Bahnhof: Karaoke-Läden, Restaurants, Cafés – ein lebendiges Nachtbild, besonders mit den vielen jungen Leuten unterwegs.

Auf dem Weg zum Clis Road, Sendai, 2. Januar 2025

Clis Road, Sendai, 2. Januar 2025

Schließlich wurde es ruhiger, je näher ich meinem Hotel kam. Wie fast jeden Abend schaute ich noch bei einem Kombini vorbei, bevor ich mich auf mein Zimmer zurückzog. Im Bett telefonierte ich mit meiner Freundin, aß ein paar Snacks und schaute YouTube. So endete mein erster Tag in Sendai – doch für den zweiten Tag hatte ich noch eine Menge vor.

Sendai Daikannon - monumentale und beeindruckende Göttin über Sendai

Für meinen zweiten Tag in Sendai nahm ich mir drei Ziele vor, die ich unbedingt an einem Tag erreichen wollte. Der Haken daran: Obwohl es nur drei Spots waren, lagen sie recht weit auseinander. Zeit für zusätzliche Zwischenstopps würde ich mir also nicht leisten können. Besonders reizte mich auch der Gedanke, an diesem Tag noch ans Meer zu fahren – aber ich wusste bereits, dass das vermutlich zu viel gewesen wäre.

Also beschloss ich, mit dem Hauptziel meines Aufenthalts in Sendai zu beginnen: der Sendai Daikannon. Um zu ihr zu gelangen, musste ich etwa 30 Minuten mit dem Bus vom Bahnhof Sendai fahren. Für die Busfahrt nutzte ich die ICSCA, die ich mir am Tag zuvor gekauft hatte.

Während der Fahrt blickte ich gespannt aus dem Fenster und hoffte, die riesige weiße Statue irgendwann am Horizont auftauchen zu sehen. Doch zunächst ging es durch das geschäftige Stadtzentrum, bevor der Bus schließlich in eine deutlich hügeligere Gegend einbog. Wir fuhren einen Hang hinauf, vorbei an vielen Wohnhäusern und kleinen Apartmentgebäuden. Die Atmosphäre war hier ruhiger und fühlte sich eher nach Vorstadt an – vermutlich war dies das Viertel Nakayama.

Je weiter der Bus fuhr, desto aufmerksamer suchten meine Augen die Umgebung ab. Ich konnte es kaum erwarten, die Statue endlich zu entdecken. Doch erst wenige Stationen vor meinem Ziel war es soweit: Zwischen den Hausdächern erschien sie plötzlich – gigantisch, schneeweiß und absolut unübersehbar.

Spätestens da wusste ich: Die richtige Haltestelle würde ich keinesfalls verpassen. Und tatsächlich trug sie den passenden Namen: Sendai Daikannon-mae – direkt „vor der Sendai Daikannon“.

Ich hatte wirklich Glück mit dem Wetter: Auch der zweite Tag meines Aufenthalts in Sendai wurde größtenteils sonnig. Die Daikannon erhob sich unter einem strahlend blauen Himmel, nur vereinzelt waren kleine weiße Wolken zu sehen. Kurz bevor ich mich auf den Weg zu ihr machte, hatte ich erfahren, dass man die monumentale Statue nicht nur von außen bewundern, sondern auch betreten kann. Also machte ich zunächst ein paar Fotos draußen, bevor ich den Eintritt bezahlte und mit dem Aufzug hinauf in die 12. Etage fuhr.

Vor der Sendai Daikannon, Sendai, 3. Januar 2025

Oben angekommen, erwartete mich keine klassische Aussichtsplattform, doch es gab mehrere kleine Fenster, durch die man wunderbare Ausblicke auf Teile Sendais hatte – und wie so oft in Japan, auch Berge am Horizont. In einigen Fenstern konnte man sogar den Pazifik in der Ferne erkennen.

Nachdem ich ein paar Runden im oberen Bereich gedreht hatte, besuchte ich den Goshinden, einen kleinen Altar, der sich ebenfalls auf der 12. Etage befindet. Anschließend ging ich zur Treppe und warf einen Blick in die Tiefe. Auch das Innere der Statue ist faszinierend: Stockwerk für Stockwerk zieht sich ein Rundgang nach unten, jedes Geschoss in einer anderen Farbe beleuchtet – und überall befinden sich unterschiedliche Buddha-Statuen.

Goshinden, Sendai Daikannon, 3. Januar 2025

Blick aus einem der Fenster in der 12. Etage, Sendai Daikannon, 3. Januar 2025

Nachdem ich mich auf der 12. Etage umgesehen und den beeindruckenden Blick in das Innere der Statue mehrfach bestaunt hatte, machte ich mich langsam auf den Weg nach unten. Der Abstieg lässt sich fast als eine Form der Meditation verstehen: Etage für Etage hinabsteigen, dabei an 108 Buddha-Statuen vorbeikommen, von denen jede für ein bestimmtes Verlangen steht. Der meditative Gang nach unten soll symbolisieren, dass man all diese 108 weltlichen Begierden hinter sich lässt. Die Buddhafiguren besaßen ganz unterschiedliche Gesichtsausdrücke und hielten verschiedene Gegenstände in den Händen. Leider reichte mein Japanisch nicht aus, um die Bedeutung jeder einzelnen Statue vollständig zu erfassen.

Ein Blick nach unten in der Sendai Daikannon, 3. Januar 2025

Tierkreis-Statuen (l.) und Kannon-Statuen (r.), Sendai Daikannon, 3. Januar 2025

Statue, die das Tierkreiszeichen Affe repräsentiert, Sendai Daikannon, 3. Januar 2025

Im Inneren der Daikannon war es überraschend kalt. Trotz Winterjacke und warmer Kleidung spürte ich die Kälte besonders während des langen Weges durch die Statue. Insgesamt benötigte ich fast eine halbe Stunde, bis ich im Erdgeschoss ankam – und das lag nicht nur an den 12 Etagen, sondern auch daran, dass ich immer wieder vor bestimmten Statuen stehen blieb und versuchte, zumindest ansatzweise zu verstehen, wofür sie stehen könnten. Braucht man im Durchschnitt zwei bis drei Minuten pro Stockwerk, kommt diese Zeit schnell zusammen.

Unten angekommen betrachtete ich weitere Statuen. Dort gab es unter anderem zusätzliche Kannon-Figuren, aber auch Darstellungen der chinesischen Tierkreiszeichen. Vor diesen befand sich jeweils ein kleiner Behälter, in den man eine 5-Yen-Münze werfen und anschließend – wie in einem Schrein – ein kurzes Gebet sprechen konnte. Da ich 1992 geboren bin und daher im Zeichen des Affen stehe, suchte ich die entsprechende Statue auf, warf meine 5 Yen hinein und versuchte, die üblichen Gebetsgesten leise und respektvoll zu vollziehen. Außerdem kaufte ich mir am Eingang noch ein Omamori, einen kleinen Glücksbringer.

Nach meinem Rundgang betrachtete ich die Daikannon noch einmal von außen und drehte eine kleine Runde durch die umliegenden Straßen, um weitere gute Blickwinkel auf die riesige Göttin zu finden. Zu meiner Überraschung verschwand sie jedoch relativ schnell hinter den Häusern, sobald man ein paar hundert Meter weiterging – nur gelegentlich ragte sie zwischen den Dächern hervor. Schließlich erreichte ich eine andere Bushaltestelle, von der aus ich zurück in Richtung Stadtzentrum fahren wollte. Von dort hatte ich noch einmal einen etwas ferneren, aber schönen Blick auf die Statue.

Blick auf Sendai Daikannon aus der Distanz, 3. Januar 2025

Mit großer Zufriedenheit wartete ich auf den Bus: Ich hatte eines der Ziele erreicht, das ich schon lange vor meinem Japanjahr fest eingeplant hatte. Und dabei funktionierte sogar das Busfahren problemlos. Seit meiner leichten Verwirrung bei der Fahrt zu den Sanddünen von Tottori war ich dem Busverkehr in Japan gegenüber etwas misstrauisch geworden – doch Sendai sollte die Stadt sein, die mir diese Unsicherheit endlich nahm … zumindest zu einem großen Teil.

Osaki Hachiman Schrein und Zuihōden - Zwei beeindruckende Schätze Sendais

Mein nächstes Ziel war ein ganz besonderes, denn es handelte sich dabei um einen jener Orte, die Japan zu seinen Nationalschätzen erklärt hat. Ich sollte vielleicht anmerken, dass ich vor allem seit meiner Sendai-Reise mit dem Begriff Kokuhō (国宝 – „nationaler Schatz“) vertraut bin. Solche Nationalschätze sind über ganz Japan verteilt und oft Orte von großer historischer oder kultureller Bedeutung.

Der Osaki-Hachiman-Schrein ist einer dieser Nationalschätze – und bereits auf Fotos sah er beeindruckend aus. Doch der Weg dorthin war recht lang. Von Nakayama, wo sich die Sendai Daikannon befindet, musste ich zunächst etwa eine halbe Stunde mit dem Bus zurück zum Bahnhof Sendai fahren. Von dort aus nahm ich die JR-Senzan-Linie bis zur Station Tōhokufukushidai-mae („vor der Tōhoku-Fukushi-Universität“) und lief anschließend etwa einen Kilometer zu Fuß durch eine leicht hügelige Gegend.

Es blieb dabei: Auch am dritten Tag des neuen Jahres galt – je näher man einem Schrein kam, desto mehr Menschen begegneten einem. Als ich schließlich mein Ziel erreichte, stellte ich fest, dass der Andrang hier durchaus mit dem beim Chūson-ji in Hiraizumi vergleichbar war, den ich am 1. Januar besucht hatte.

Osaki Hachimangu Schrein, Sendai 3. Januar 2025

Vor dem wohl wichtigsten Teil des Schreins, dem Haiden, versammelten sich viele Menschen, sodass ich beschloss, ihn nur von der Seite zu betrachten. Mit seinem schwarz-goldenen Dach glänzte der Haiden in der Sonne und sah tatsächlich so aus, wie etwas, das man zu Recht als Schatz bezeichnen könnte. Man sagt, dass dieser Schrein im Auftrag von Date Masamune erbaut wurde. Außerdem gilt er als einer der zentralen Orte des in der Präfektur Miyagi beheimateten Dontosai-Festivals, das Mitte Januar stattfindet – ich war allerdings noch etwas zu früh dafür.

Osaki Hachimangu Schrein (Haiden), Sendai, 3. Januar 2025

Osaki Hachimangu Schrein, Sendai, 3. Januar 2025

Nachdem ich den Haiden bewundert hatte, schlenderte ich weiter durch das Gelände. Die Wege waren mit gestreiften Laternen geschmückt, und bald gelangte ich zu einem Pfad, an dem links und rechts Reihen von Street-Food-Ständen aufgebaut waren. Yakisoba, Takoyaki, Schokobananen und viele weitere Speisen wurden dort angeboten. Da ich bis dahin noch nichts gegessen hatte – und ein Besuch im Café Veloce an diesem Tag eher unwahrscheinlich schien – beschloss ich, mir Takoyaki zu kaufen. Dazu gönnte ich mir später noch einen warmen Amazake.

Mein Takoyaki genoss ich in einem kleinen Zelt, in dem auch andere Besucher des Schreins saßen und ihr Essen und Trinken in der winterlichen, aber lebendigen Atmosphäre genossen.

Takoyaki am Osaki Hachiman Schrein, Sendai, 3. Januar 2025

Essensstände am Osaka Hachiman Schrein, Sendai, 3. Januar 2025

Insgesamt verbrachte ich etwa eine halbe Stunde beim Osaki Hachiman Schrein. Da es recht voll war, bereits nach 14 Uhr, und ich noch zu einem weiteren Ziel wollte, das leider nur bis 16 Uhr geöffnet hatte, machte ich mich bald wieder auf den Weg zur Station Tōhokufukushidai-mae, von der aus ich zurück zum Bahnhof Sendai fahren wollte.

Von der U-Bahn-Station Sendai ging es wieder in Richtung Yagiyama Zoological Park bis zur Station Ōmachi Nishi Koen. Von dort waren es noch etwa ein Kilometer zu Fuß. Ich machte mir schon etwas Sorgen, ob ich es noch rechtzeitig schaffen würde, denn als ich an der Station ankam, blieb mir weniger als eine Stunde bis zur Schließung. Anfangs nahm ich sogar den falschen Weg, bemerkte es jedoch zum Glück rechtzeitig. Schließlich erreichte ich rund 35 Minuten vor der Schließung mein nächstes Ziel: Zuihōden (瑞鳳殿) – das Mausoleum von Date Masamune.

Ich nahm zunächst fälschlicherweise an, dass es sich dabei ebenfalls um einen Kokuhō, also einen nationalen Schatz, handelte. Tatsächlich zählte Zuihōden einst zu den Kokuhō Japans, doch das Original aus der Edo-Zeit brannte 1945 nieder. Der heutige Zuihōden ist ein Nachbau aus dem Jahr 1979.

Doch das schmälert seine Wirkung keineswegs – im Gegenteil: Der Zuihōden wirkt auch heute noch wie ein wahrer Schatz. Das eigentliche Mausoleum erinnert mit seiner gold-bunten Fassade und seiner fast würfelförmigen Gestalt an eine große Schatzkiste. Das Dach ragt noch etwas weiter hinaus als das Gebäude selbst. Ich konnte kaum glauben, etwas so Beeindruckendes tatsächlich mit eigenen Augen zu sehen. Zwar handelt es sich um eine Rekonstruktion, doch sie wirkt erstaunlich authentisch – als wäre sie direkt aus der Edo-Zeit erhalten geblieben.

Zuihōden, Sendai, 3. Januar 2025

Zuihōden, Sendai, 3. Januar 2025

Zuihōden, Sendai, 3. Januar 2025

Zuihōden bezeichnet übrigens nicht nur das eigentliche Mausoleum und die Grabstätte Date Masamunes, sondern das gesamte Areal, das wiederum in mehrere Teile untergliedert ist – etwa Kansenden (erbaut für Date Tadamune, den zweiten Daimyō der Sendai-Domäne), Zennoden (erbaut für Date Tsunamune, den dritten Daimyō der Sendai-Domäne) oder Okosamagobyō, einen kleinen Friedhof für die Kinder der Adligen aus dem Umkreis des Date-Klans. Leider befanden sich Kansenden und Zennoden zum Zeitpunkt meines Besuchs in Restauration, sodass ich sie nur eingeschränkt sehen konnte. Auch Okosamagobyō besuchte ich – und war dabei berührt und erstaunt, wie jung viele der dort bestatteten Kinder gestorben waren.

Obwohl das gesamte Zuihōden-Areal recht weitläufig ist, schaffte ich es innerhalb der verbliebenen halben Stunde, alle wichtigen Orte zu besuchen. Zufrieden und beeindruckt machte ich mich schließlich auf den Weg zurück in Richtung Ausgang.

Mein zweiter Abend in Sendai - Yakiniku und Pläne machen für den nächsten Tag

Nachdem ich das Zuihōden-Areal verlassen hatte, fiel mir zufällig auf, dass sich ganz in der Nähe eine Bushaltestelle befand – und genau in diesem Moment kam ein retro-niedlich aussehender Bus angefahren. Da er in Richtung des Bahnhofs Sendai fuhr, beschloss ich spontan, mitzufahren. Bezahlen konnte ich problemlos mit meiner IC-Karte (wenn ich mich richtig erinnere, war es die Sendai-Karte ICSCA).

Der Busfahrer war sehr gesprächig und machte ständig Witze, über die die anderen Fahrgäste herzlich lachten. Ich musste ebenfalls lächeln, auch wenn ich mir wünschte, seine Witze besser verstehen zu können – ganz reichte mein Japanisch dafür leider noch nicht aus.

Die Atmosphäre im Bus war dennoch sehr angenehm, fast gemütlich. Außerdem hatte ich Glück: Es war der letzte Sightseeing-Bus, der an diesem Tag noch bis zum Bahnhof Sendai fuhr. Zur Not hätte ich auch die U-Bahn nehmen können, doch bis dorthin wäre es wieder ein Kilometer Fußweg gewesen.

Als ich schließlich am Bahnhof Sendai ankam, war es bereits dämmrig. Ich drehte noch ein paar Runden um den Bahnhof und begann, über das Abendessen nachzudenken – es sollte schließlich das letzte Abendessen meines Tōhoku-Winterabenteuers werden. Nachdem ich am Tag zuvor Gyūtan gegessen hatte, verspürte ich erneut Lust auf gebratenes Fleisch. Solche Läden gab es in Sendai viele, und so entschied ich mich nach einigem Herumsehen für das Restaurant Tokiwatei (ときわ亭).

Bahnhofsvorplatz am Abend, Sendai, 3. Januar 2025

Bahnhofsvorplatz am Abend, Sendai, 3. Januar 2025

Es handelte sich um einen Yakiniku-Laden. Dieses Mal wollte ich alles richtig machen – ich erinnerte mich noch gut daran, wie zaghaft ich in Takayama das Hida-Gyū gebraten hatte und es am Ende etwas roh schmeckte. Also bestellte ich mehrere Sorten Fleisch, und kurz darauf stellte mir die Kellnerin den Grill auf den Tisch. Dieses Mal gelang es mir tatsächlich, das Fleisch genau richtig zu braten – außen knusprig, innen zart. Man könnte sagen, dass Sendai die Stadt war, die mein „Reise-Selbstbewusstsein“ ein Stück weit stärkte: Ich kam inzwischen nicht nur mit den Bussen besser zurecht, sondern offenbar auch mit dem Grillen von Yakiniku. Auch wenn meine Freundin es wahrscheinlich noch etwas besser konnte, fühlte ich mich zum ersten Mal richtig sicher dabei.

Ich briet also verschiedene Fleischsorten und bestellte dazu zuerst einen normalen Highball und anschließend mein Lieblingsgetränk, das ich in Izakayas und Yakiniku-Lokalen immer gern trank – den Coke High. Natürlich ist mir bewusst, dass solche Mahlzeiten weder besonders gesund noch günstig sind, aber solange ich in Japan war, wollte ich sie einfach ein paar Mal genießen.

Yakiniku, Tokiwatei, Sendai, 3.Januar 2025

Tokiwatei, Sendai, 3.Januar 2025

Tokiwatei, Sendai, 3.Januar 2025

Nach dem Essen machte ich, wie fast jeden Abend, noch einen kurzen Abstecher zum Kombini und ging dann zurück ins Hotel. Dort überlegte ich mir meinen Plan für den nächsten Tag. Ich erwähnte es bisher nicht, aber ich hatte tatsächlich noch einen weiteren Ort in Betracht gezogen: Nikkō in der Präfektur Tochigi. Da ich vermutete, während meines Japanjahres wohl nicht mehr so oft in die Region Tōhoku oder Kantō zu kommen, spielte ich mit dem Gedanken, Nikkō auf dem Rückweg nach Osaka zu besuchen.

Allerdings war der Weg dorthin recht umständlich – zuerst nach Utsunomiya, dann weiter nach Nikkō und später wieder zurück über Utsunomiya nach Tōkyō. Das würde mehrere Stunden dauern. Um diesen Plan überhaupt umsetzen zu können, hätte ich am nächsten Tag um fünf Uhr morgens aufstehen und um sechs Uhr auschecken müssen. Dabei war das Koko Hotel eines der wenigen Hotels meiner Reise, in denen der Check-out erst um elf Uhr möglich war. Mir wurde klar, dass der Rückreisetag ohnehin schon anstrengend genug werden würde – und ich verspürte keine Lust, ihn noch stressiger zu machen. So beschloss ich schließlich, Sendai als den letzten Punkt meines Tōhoku-Abenteuers zu belassen.

Am Abend telefonierte ich noch mit meiner Freundin, schaute etwas YouTube und ließ den Tag entspannt ausklingen – in der Hoffnung, am nächsten Morgen unversehrt und ausgeruht nach Osaka zurückzukehren.

Panik und Verspätungen im Feiertagsshinkansen - Die holprige Rückfahrt

Der 4. Januar, der Tag meiner Rückreise, begann zunächst ruhig. Ich checkte planmäßig aus und beschloss, vor meiner Fahrt noch einmal bei Café Veloce zu frühstücken – schließlich hatte es mir dort am Ankunftstag so gut gefallen. Damals wusste ich noch nicht, dass es sich um eine Café-Kette handelte, die ich später auch in Hiroshima und sogar in Osaka wiederfinden würde.

Dieses Mal bestellte ich mir ein Toast-Sandwich mit Käse und Schinken und dazu – wie immer – Schwarztee mit Zitrone. Eine perfekte Kombination für ein gemütliches Frühstück vor einer langen Reise. Laut meinem Plan sollte ich etwa vier Stunden bis zum Bahnhof Shin-Osaka brauchen: von Sendai nach Tokio mit dem Hayabusa-Shinkansen – wieder nur mit Stehplatz – und von Tokio nach Osaka im Nozomi-Shinkansen, wo ich immerhin einen Fensterplatz ergattern konnte.

Frühstück bei Café Veloce, Sendai, 4. Januar 2025

Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof, warf noch ein paar letzte Blicke auf die Umgebung und dachte bei mir: Mein Aufenthalt in Sendai war großartig – ich muss unbedingt wiederkommen, das nächste Mal mit meiner Freundin.

Ab hier sollte mein Tag jedoch alles andere als entspannt verlaufen. Der Hayabusa-Shinkansen, auf den ich wartete, verspätete sich um drei Minuten. Normalerweise wäre das kein Problem gewesen, doch in Tokio hatte ich nur acht Minuten Umstiegszeit. Und ich erinnerte mich noch gut daran, wie chaotisch es dort zuging – und wie weit die Bahnsteige der Tōhoku-Shinkansen von denen der Tōkaidō-Shinkansen Richtung Osaka entfernt waren. Beim Ticketkauf hatte ich leider vergessen, dem Verkäufer zu sagen, dass ich lieber etwas mehr Umsteigezeit hätte – ein kleiner Fehler, der sich später noch rächen sollte.

Tickets für die Heimreise

Der Shinkansen kam schließlich – und war noch voller, als ich erwartet hatte. Ich quetschte mich zwischen die anderen stehenden Fahrgäste, die sich im engen Vorraum drängten. Neben mir stand eine vermutlich philippinische Familie: Mann, Frau, zwei Kinder und ein weiterer Mann – vielleicht ein Verwandter oder Freund. Die Familie wirkte sichtlich gestresst. Während sie versuchten, alle einzusteigen, schlossen sich plötzlich die Türen – und die beiden Kinder blieben am Bahnsteig von Sendai zurück, während der Zug bereits anfuhr und gnadenlos an Geschwindigkeit gewann.

Die Mutter verfiel in Panik. Laut schreiend wandte sie sich an den zweiten Mann, offenbar in der Annahme, er habe etwas falsch gemacht. Ich fragte mich, ob er tatsächlich verantwortlich war oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort stand. Kurz darauf kam ein Zugmitarbeiter vorbei, und die Familie erklärte ihm in gebrochenem Englisch – unterstützt durch Google Translate – die Situation. Über Funk meldete er den Vorfall weiter.

Die nächste Station sollte erst Ōmiya in der Präfektur Saitama sein – über eine Stunde entfernt. Ich glaube, diese Stunde war die Hölle für die philippinische Mutter. Immer wieder wurde sie emotional, schrie die beiden Männer an und wechselte dabei zwischen Englisch und (vermutlich) Tagalog. Ich hörte zum ersten Mal so deutlich die klangvolle Emotionalität dieser Sprache. Der Ehemann schwieg die meiste Zeit, doch in seinem Gesicht stand deutlich Sorge geschrieben. Der zweite Mann sah schuldbewusst aus, verteidigte sich kaum und stand einfach nur da – still und bedrückt. Als der Zug schließlich in Ōmiya hielt, stieg die Familie aus.

Meine eigenen Sorgen begannen jedoch erst. Die Verspätung des Zuges hatte sich leicht erhöht, und ich hatte nur noch drei bis vier Minuten zum Umsteigen. Es wurde immer unrealistischer, den Anschlusszug zu erwischen.

Als ich schließlich in Tokio ankam, rannte ich los – doch der Weg zwischen den Bahnsteigen war einfach zu weit, und der Bahnhof zu überfüllt. Wie erwartet, verpasste ich den Anschluss. Nun musste ich mein Ticket umtauschen, in der Hoffnung, dass man Verständnis zeigen würde – schließlich war die Verspätung nicht meine Schuld.

Vor der Ticketverkaufsstelle bildete sich allerdings eine endlose Schlange. Ich überzeugte mich ein weiteres Mal davon, dass der Bahnhof Tokio tatsächlich die Hölle auf Erden war. Nach rund vierzig Minuten gelang es mir schließlich, mein Ticket umzutauschen, und ich konnte mit dem nächsten Shinkansen nach Osaka fahren.

Von da an verlief alles wieder ruhig – und so endete mein Tōhoku-Winterabenteuer schließlich doch noch ohne weitere Zwischenfälle.

Am Abend telefonierte ich wieder mit meiner Freundin. Wir beschlossen, am darauffolgenden Wochenende gemeinsam eine Reise zu unternehmen.
Wohin diese führte – das erzähle ich im nächsten Reisebericht.


🗾 Sendai ist zu empfehlen, wenn …

  • man japanische Metropolen mag, aber Lust auf etwas anderes als die berühmten Städte wie Tokyo oder Osaka hat

  • man sich für nationale Kulturschätze Japans interessiert

  • man gutes, regionales Essen schätzt

  • man sich für japanische Geschichte begeistert

  • man gerne ruhigere, entspanntere Großstädte erlebt

  • man kein Problem damit hat, auch mal längere Strecken zu Fuß zurückzulegen

  • man spirituelle Orte und Schreine mag

  • man Interesse an monumentalen Statuen hat


🌆 Ähnliche Städte (die ich ebenfalls besuchte):

Nagoya (Präfektur Aichi):
Wenn es um unterschätzte Metropolen Japans geht, gehören Sendai und Nagoya eindeutig dazu. Beide Städte verbinden historische Sehenswürdigkeiten mit urbanem Leben und sind die größten Zentren ihrer jeweiligen Regionen. Wer Fleischgerichte liebt, wird in Sendai mit Gyūtan (Rinderzunge) und in Nagoya mit Miso-Katsu auf seine Kosten kommen.

Shizuoka (Präfektur Shizuoka):
Shizuoka ist zwar kleiner, bietet aber eine ähnlich angenehme Atmosphäre in der Innenstadt. Beide Städte liegen in Küstennähe und sind eng mit bedeutenden Persönlichkeiten der japanischen Geschichte verbunden – Date Masamune in Sendai und Tokugawa Ieyasu in Shizuoka. In beiden sollte man etwas Zeit einplanen, da die Sehenswürdigkeiten teils weiter voneinander entfernt liegen.

Osaka (Präfektur Osaka):
Man könnte sagen, Sendai ist die nördliche, etwas ruhigere Schwester Osakas. Beide Städte blicken auf eine bewegte Geschichte zurück, sind für ihre kulinarische Vielfalt bekannt und haben ihre ganz eigene, unverwechselbare Kultur.

Niigata (Präfektur Niigata):
Etwa auf derselben geographischen Höhe wie Sendai, jedoch an der Küste des Japanischen Meeres, liegt Niigata – eine Stadt mit ähnlicher nordjapanischer Atmosphäre. Beide Städte stehen für gutes Essen, kalte Winter (in Niigata meist noch kälter) und landschaftlich reizvolle Umgebungen.

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