Okayama & Kurashiki - Nicht nur in Kyoto ist der Herbst schön (#10)

Okayama & Kurashiki 

📍 Okayama (岡山) & Kurashiki (倉敷)
🗾 Präfektur Nr. 9: Okayama, Region Chūgoku
📅 Reisezeit: 29. November - 1. Dezember 2024

Meine nächste Reise führte mich erneut in die Chūgoku-Region und war zugleich die erste, nachdem ich zumindest einen Teil meines Stipendiums erhalten hatte. Das nächste Ziel lautete: Okayama! Eine Stadt, von der ich bereits vor meiner ersten Japan-Reise gehört hatte. Ich wusste, dass sie irgendwo zwischen Kansai und Hiroshima liegt, doch viel mehr konnte ich damals nicht über sie sagen. Später erfuhr ich außerdem, dass mit dieser Stadt sowie der gleichnamigen Präfektur der in Japan beliebte Sagenheld Momotaro assoziiert wird.

Im Laufe der Jahre begegnete ich auch einigen Menschen aus dieser Region – zuletzt einer Tandempartnerin, die 2022–2023 in Erlangen ihr Auslandsstudium absolvierte. Um genau zu sein, stammt sie nicht aus der Stadt Okayama, sondern aus der kleineren Stadt Tsuyama, die ebenfalls in der Präfektur Okayama liegt. Sie kannte sich jedoch gut in Okayama aus, und noch ein Jahr bevor ich selbst nach Japan ging – sie war damals noch in Deutschland – sprachen wir darüber, die Stadt gemeinsam zu erkunden. So vereinbarten wir schließlich ein Treffen in Okayama.

Von Okayama hatte ich gehört, dass es eine der Städte Japans mit der geringsten Erdbebengefahr sei. Fast gleichzeitig hörte ich aber auch, es sei eine typische Inaka-Stadt: ruhig, wenig los – fast langweilig. Doch das hielt mich nicht davon ab, diese Stadt zu besuchen.

Okayama war damit das erste Reiseziel auf meiner langfristigen To-Visit-Liste, das ich während meines Japanjahres tatsächlich ansteuerte – im Gegensatz zu Takayama und Tottori, die eher spontan auf die Liste kamen und von denen ich vor meiner Abreise kaum etwas wusste.

Damals ahnte ich noch nicht, dass sich diese Reise zu meinem absoluten Herbst-Highlight entwickeln würde – und dass ich während meines Aufenthalts in Okayama sogar noch einen Abstecher nach Kurashiki machen würde, eine Stadt, von der ich zuvor ebenfalls noch nie gehört hatte.
Darüber und mehr möchte ich in diesem Reisebericht ausführlicher erzählen.


Von Osaka nach Okayama - kurz und (fast) schmerzlos

Um von Osaka nach Okayama zu gelangen, gibt es vor allem einen offensichtlichen Weg; nämlich mit dem Shinkansen. Es kann der Tokaido-Shinkansen (Nozomi oder Hikari), der bis nach Hiroshima oder gar Hakata in Fukuoka fährt, oder der Kyushu-Shinkansen (Sakura oder Mizuho) sein. Die Fahrt dauert etwa 45-50 Minuten und kostet etwa 5600 Yen (ca. 32,50 Euro). In meinem Fall war es Nozomi. Man fährt mit dem Shinkansen durch Kobe, (und eventuell Himeji) bevor man schließlich in Okayama ankommt. Die einfache Fahrt ist preislich noch vertretbar, aber hin und zurück kommt man schnell auf über 11.000 Yen (mehr als 60 Euro), was sich dann doch bemerkbar macht. Es ist immer noch okay, doch wenn man mit einem Tokkyu bzw. Limited Express fährt, zahlt man für ähnliche Strecken etwas weniger.

Sollte man sich über kostenloses WLAN-Internet im Shinkansen freuen, so wird diese Freude etwa bis Kobe dauern. Denn kurz hinter Kobe beginnt eine beinahe durchgehende Tunnelstrecke bis nach Okayama (und eigentlich auch darüber hinaus), was das Internet weitgehend unbrauchbar macht

Ich machte mich an einem Freitagabend Ende November auf den Weg; es war also schon dunkel, als ich losfuhr und so sollte es natürlich den ganzen Weg auch bleiben. Da machte es auch keinen großen Unterschied, ob man durch Tunnel fuhr oder nicht; man merkte an der Qualität des verfügbaren Internets, wo man war. 

Schließlich erreichte ich mein Ziel und stieg am hell erleuchteten Bahnsteig in Okayama aus.


Gemütliches Großstadtgefühl - erste Eindrücke von Okayama

Beim Verlassen des Bahnhofsgebäudes, das eine angenehme Atmosphäre ausstrahlte, kam schon ein gewisses Weihnachtsgefühl auf. Es war Ende November, knapp vier Wochen vor Heiligabend, und der Bahnhofsplatz in Okayama war bereits festlich geschmückt. Ein Weihnachtsbaum und leuchtende Illuminationen hießen sowohl Ankommende als auch Einheimische willkommen.

Interessanterweise sollte ich im Laufe meines Jahres mehrfach zum Bahnhof von Okayama zurückkehren – etwa, wenn ich später in die Präfektur Shimane reiste oder gemeinsam mit meiner Freundin von Shikoku nach Osaka zurückkehrte. Auch auf meinen Wegen nach Hiroshima oder Kyushu tauchten die Bahnsteige von Okayama immer wieder auf. Die Stadt ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt – wer beispielsweise mit dem Zug nach Matsue oder Izumo in der Präfektur Shimane oder nach Takamatsu bzw. Matsuyama auf Shikoku reisen möchte, kommt an Okayama nicht vorbei. Es gibt zwar auch Busverbindungen, aber der Zug ist oft die komfortablere Wahl.

Am Bahnhof Okayama, 29 November 2024

Bahnhof Okayama, 29 November 2024

Am Bahnhofsvorplatz, Okayama, 29 November 2024

Doch zurück zur Stadt selbst: Nachdem ich eine Runde über den Bahnhofsplatz gedreht hatte, suchte ich einen Weg in die Innenstadt. Diese war vom Bahnhof durch eine breite Straße getrennt – eine Fußgängerampel war jedoch nicht in Sicht. Bald fand ich heraus, dass der einfachste Weg dorthin durch eine Unterführung führte.

In dieser Unterführung befanden sich zahlreiche Geschäfte und sogar Restaurants. Mehrere Ausgänge führten zurück an die Oberfläche, und nach einigem Suchen fand ich schließlich den richtigen. Kurz darauf stand ich auf einer großen, belebten Straße. Während ich diese entlanglief und mich umsah, gefiel mir, was ich sah, immer mehr. In Okayama herrschte ein gewisses Großstadtgefühl – breite Straßen, zahlreiche Läden und Restaurants, und immer wieder fuhr eine Straßenbahn vorbei. Es war, glaube ich, das erste Mal, dass ich in Japan eine Straßenbahn in Aktion sah. Neben dem Gehweg standen Bäume mit gelblich bis leicht rötlichem Laub – der Herbst hatte Okayama sichtlich erreicht. Unterwegs begegneten mir weitere Illuminationen sowie Banner mit der Aufschrift „Welcome to Okayama“. Aus einigen Restaurants, an denen ich vorbeikam, drang einladender Essensduft auf die Straße.

Okayama, 29 November 2024

Okayama, 29 November 2024

Okayama, 29 November 2024

Okayama, 29 November 2024

Okayama, 29 November 2024

Das Großstadtgefühl in Okayama war jedoch anders als in Tokyo, Osaka oder Kyoto. Die Straße, auf der ich unterwegs war, erinnerte mich zwar stellenweise an manche Ecken dieser großen Metropolen, doch gleichzeitig fühlte sich alles etwas gemütlicher und entspannter an – ohne das übliche Großstadtgetümmel, aber dennoch mit einer angenehmen, einladenden Atmosphäre. Ich weiß nicht, wie Einheimische das sehen, aber für mich fühlte sich Okayama nicht wie „Inaka“ (ländliche Gegend) an. Natürlich ist die Stadt keine Megametropole wie Tokyo oder Osaka, aber mit rund 700.000 Einwohnern – wie ich später überrascht feststellte – ist sie keineswegs klein. Das entspricht immerhin der Größe von Städten wie Düsseldorf oder sogar beinahe Frankfurt am Main. Eine Kleinstadt ist Okayama also sicherlich nicht.

Auf mich machte die Stadt einen rundum positiven Eindruck. Nach etwa 20–25 Minuten entspannten Spaziergangs entlang einer der zentralen Hauptstraßen Okayamas kam ich schließlich bei meinem Hotel an.


Die Unterkunft – gemütlich, aber mit schlechter Schallisolation

Meine Unterkunft in Okayama war das Hotel OneFive Okayama. Für zwei Nächte zahlte ich 17.040 Yen (knapp 100 Euro) – insgesamt ein angemessener Preis für ein Zimmer mit eigenem Bad und guter Lage. Interessanterweise war dies bislang das einzige Hotel während meiner Japan-Reisen, in dem ich an der Rezeption eine Mitarbeiterin nicht-japanischer Herkunft sah. Sie erklärte mir, dass der Check-in hier selbstständig über einen Automaten erfolgt. Man musste also die nötigen Daten eingeben, bekam bei erfolgreichem Abschluss eine Zimmerkarte sowie eine Quittung mit der Zimmernummer. Nachdem auch ich es geschafft hatte, machte ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer.

Ich hatte zuvor bereits zwei Mal in APA Hotels übernachtet und fragte mich, ob das OneFive eine ähnliche Kategorie sei. Mein Zimmer war recht gemütlich und erinnerte mich an das Zimmer, das ich eine Woche zuvor in Tottori hatte. Im Bad gab es Shampoo, Duschgel und Conditioner, sowie frische Handtücher. Das Zimmer selbst war mit einem Schreibtisch ausgestattet, über dem ein Spiegel mit integrierter Beleuchtung angebracht war.

Mein Zimmer im Hotel OneFive Okayama, 29 November 2024

Insgesamt fühlte ich mich wohl – bis ich feststellte, dass es einen kleinen, aber nicht unerheblichen Mangel gab: die Schallisolation. Hinter meiner Zimmertür hörte ich deutlich Stimmen und Gelächter aus dem Flur. Ich fragte mich, ob man wohl auch mich hören würde, wenn ich telefonierte oder Videos schauen würde. Am nächsten Morgen, während ich duschte, hörte ich erneut Geräusche vom Flur, als dort das Reinigungspersonal unterwegs war. Ich fragte mich kurz, ob jemand mein Zimmer betrat, obwohl ich das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür gehängt hatte.

Noch ein kurzer Rückblick auf den Abend zuvor: Nachdem ich meine üblichen Ankunftsrituale erledigt hatte, ging ich zum Lawson auf der gegenüberliegenden Straßenseite und holte mir Cola Sour und ein paar Snacks. Den restlichen Abend verbrachte ich gemütlich mit Getränk, Snacks, ein paar K-Dramas und YouTube-Videos. Ich freute mich schon sehr auf den kommenden Tag, denn ich hatte einiges geplant – und vor allem: Ich würde meine Tandem-Freundin, die aus der Präfektur Okayama stammt, nach über einem Jahr endlich wiedersehen.


Okayama zu zweit erkunden - Das Rabenschloss und Demi-Katsudon

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen, denn bereits um 9:30 Uhr sollte ich meine Tandemfreundin vor dem Bahnhofsgebäude an der Momotaro-Statue treffen. Ich machte mich rechtzeitig auf den Weg, und zur vereinbarten Zeit trafen wir uns tatsächlich. Es war unser erstes Wiedersehen seit August 2023 – also hatten wir uns über ein Jahr lang nicht gesehen.

Inzwischen hatte sich bei ihr einiges verändert: Sie hatte erfolgreich die Shūshoku-katsudō – die Phase der Jobsuche – abgeschlossen. Diese beginnt für die meisten japanischen Studierenden etwa ein Jahr vor dem Abschluss und dauert im Schnitt rund ein Semester. In der Regel ist das das vorletzte Wintersemester, manchmal reicht es auch noch ins darauffolgende Sommersemester hinein. Bei Gelegenheit widme ich diesem Thema sicher noch einen eigenen Blog-Eintrag.

Meine Tandemfreundin schlug vor, mit der Straßenbahn zu fahren – etwas, das ich mich bisher nicht getraut hatte. Ich war mir nie ganz sicher gewesen, ob ich alles richtig verstehen und machen würde. Zum Glück war es dann aber einfacher als gedacht. In Okayama ist der Fahrpreis festgelegt, und man bezahlt diesen beim Einsteigen. In anderen Städten läuft es oft so, dass man beim Einstieg seine IC-Karte an den dafür vorgesehenen Sensor hält und beim Aussteigen der genaue Fahrpreis abgezogen wird.

Okayama wurde also die erste Stadt in Japan, in der ich mit der Straßenbahn gefahren bin. Genau wie in der U-Bahn und in vielen lokalen Zügen sind auch hier alle Sitze seitlich angeordnet. Man sitzt also nicht in Fahrtrichtung, sondern schaut seitlich zu den Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite.

Meine Tandemfreundin stellte bald fest, dass wir doch in einer anderen Straßenbahn saßen, als sie ursprünglich gedacht hatte. Das war jedoch kein großes Problem, da wir uns trotzdem relativ nahe am Schloss Okayama befanden, zu dem wir ohnehin unterwegs waren. Wir stiegen also bald aus und liefen durch einige traditionelle japanische Einkaufsstraßen – ähnlich wie die, die ich zuletzt in Tottori gesehen hatte, nur ein wenig größer. In einer dieser überdachten Straßen entdeckte ich oben über dem Dach ein großes Tier, das einem Archaeopteryx ähnelte. Natürlich war es nicht echt. Und nur ein paar Straßen weiter lugte ein Dinosaurier aus einem Fenster.

Okayama, 30 November 2024

Okayama, 30 November 2024

Wir schlenderten durch die Straßen und unterhielten uns über all das, was in unserem Leben seit unserem letzten Treffen passiert war. Meine Tandemfreundin erzählte mir, dass sie sich wenige Tage zuvor einen Weisheitszahn hatte ziehen lassen und daher einige ziemlich schmerzhafte Tage hinter sich hatte. Sie jobbte derzeit in einem Hotel und bereitete sich auf ihren Umzug nach Kyoto vor, wo sie ab dem Frühjahr eine Festanstellung in einem anderen Hotel antreten sollte.

Bald erreichten wir den Park rund um das Schloss Okayama, und wenig später konnte ich es selbst sehen. Meine Tandemfreundin erklärte mir, dass es auch als Ujō bekannt ist, was so viel bedeutet wie „Rabenschloss“ oder „Krähenschloss“. Diesen Beinamen verdankt es seiner dunklen Farbe. Fünfeinhalb Jahre zuvor hatte ich das berühmte Schloss von Himeji besucht, das wegen seiner weißen Farbe und eleganten Form den Beinamen „Schloss des weißen Reihers“ trägt. Das Schloss in Okayama war tatsächlich das erste neue japanische Schloss, das ich seit meinem Besuch in Himeji zu sehen bekam.

Im Gegensatz zum Himeji-Schloss ist das Schloss in Okayama jedoch kein Original. Das ursprüngliche Bauwerk wurde 1945 bei Bombenangriffen auf die Stadt zerstört. Die heutige Rekonstruktion stammt aus dem Jahr 1966 und beherbergt ein historisches Museum. Doch nicht nur das – beim Betreten des Schlosses wurde uns auch angeboten, Kimonos anzuprobieren. Nach kurzem Überlegen lehnte ich jedoch ab, da es mir etwas zeitaufwendig erschien.

Und natürlich durfte eines nicht fehlen: die wunderbare Aussicht auf die Stadt Okayama, die man von oben hat. Ich war ziemlich begeistert – der Ausblick, die ungewöhnliche Farbe und Form des Schlosses sowie das Museum, in dem man unter anderem kurz ein Katana in die Hand nehmen konnte. Und all das in Kombination mit dem Gefühl, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein neues japanisches Schloss zu besuchen.

Schloss Okayama, 30 November 2024

Schloss Okayama, 30 November 2024

Schloss Okayama, 30 November 2024

Blick auf die Stadt, Schloss Okayama, 30 November 2024

Blick auf die Stadt, Schloss Okayama, 30 November 2024

Blick auf die Stadt, Schloss Okayama, 30 November 2024

Blick auf den Kōraku-en, Schloss Okayama, 30 November 2024

Nach der Besichtigung des Schlosses überquerten wir den Asahi-Fluss und gelangten zum Kōraku-en – einem der sogenannten „drei berühmten Gärten Japans“, wie ich später erfuhr. Die anderen beiden sind der Kenroku-en in Kanazawa, den ich ebenfalls besuchen durfte, und der Kairaku-en in Mito in der Präfektur Ibaraki nördlich von Tōkyō, zu dem ich es bisher leider noch nicht geschafft habe. Schon die Umgebung rund um das Schloss war wunderschön – hier und da färbten sich bereits einige Bäume herbstlich – doch der Kōraku-en war ein wahres Herbstparadies. Zwischen den rot, grün, gelb und orange leuchtenden Bäumen tauchten immer wieder mal Teehäuser und andere traditionelle Gebäude aus der Edo-Zeit auf und verliehen dem Ort eine besondere Atmosphäre.

Während unseres Spaziergangs durch den Garten entdeckten wir ein Brautpaar, das gerade ein Fotoshooting hatte – ein fast schon filmreifer Moment. Ich war weiterhin begeistert: Zumindest zu dem Zeitpunkt war der Kōraku-en für mich der schönste japanische Garten, den ich bisher gesehen hatte. Die Herbstfarben verliehen dem Ort einen Zauber, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben sollte.

Ich erinnerte mich daran, Jahre zuvor vom Herbst in Kyōto gehört zu haben. Einen kleinen Eindruck davon hatte ich bereits zwei Wochen zuvor bekommen, als ich mit dem Fotoclub in Kibune und am Berg Kurama unterwegs war. Keine Frage, auch der Herbst in Kyōto ist bestimmt magisch. Doch mein Aufenthalt in Okayama lehrte mich, dass es auch abseits der bekannten Reiseziele Orte gibt, die nicht weniger beeindruckend sind. Dennoch spricht kaum jemand über sie – stattdessen konzentrieren sich die Menschenmassen an einem einzigen Ort wie Kyōto, wo der Zauber des Augenblicks durch den Stress und die Enge ein Stück weit verloren gehen kann. In Okayama hingegen konnte sich dieser Zauber ganz frei entfalten.

Nach unserem Rundgang setzten meine Tandemfreundin und ich uns in ein kleines Geschäft im Kōraku-en, das heißen Amazake anbot. Wir genossen ihn in aller Ruhe und besprachen dabei unsere Pläne fürs Mittagessen.

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Koi-Karpfen, Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Amazake genießen im Kōraku-en, Okayama, 30 November 2024

Ich hatte Interesse daran, eine Spezialität aus Okayama zu probieren, und wir machten uns auf den Weg in Richtung meines Hotels bzw. des Bahnhofs. Als wir am Hotel Excel Okayama vorbeiliefen, schlug meine Tandemfreundin vor, dort einmal vorbeizuschauen, da es im Hotel ein Restaurant gebe. Ich war zunächst verunsichert – darf man dort essen, ohne Hotelgast zu sein? Doch meine Tandemfreundin versicherte mir, dass das völlig in Ordnung sei.

Im Hotelrestaurant fiel mir unter anderem Demi-Katsudon auf, das meiner Meinung nach sehr lecker aussah. Meine Tandemfreundin bestätigte, dass es sich dabei um eine Spezialität aus Okayama handelte – damit stand meine Entscheidung fürs Mittagessen fest. Außerdem mochte ich Katsudon generell sehr und freute mich darauf, nun ein authentisches japanisches Katsudon direkt in Japan zu essen.

Demi-Katsudon im Hotel Excel Okayama, 30 November 2024

Beim Demi-Katsudon handelt es sich um ein Katsudon mit einer würzigen Demi-Glace-Sauce, serviert mit ungekochtem Kohl, Reis und ein paar Erbsen zur Dekoration. Leider kann ich mich heute – zum Zeitpunkt, an dem ich diesen Beitrag schreibe, liegt die Reise nach Okayama bereits fast acht Monate zurück – nicht mehr genau an den Geschmack erinnern, um ihn ausführlich beschreiben zu können. Was ich aber sicher weiß: Es hat sehr gut geschmeckt. Dieses Gericht wurde somit zur ersten von zwei Katsudon-Spezialitäten, die ich bisher in Japan probiert habe. Die andere sollte Tare-Katsudon in Niigata werden – doch darüber schreibe ich später im entsprechenden Reisebericht.

Nach dem Essen, bevor wir uns wieder auf den Weg machten, passierte mir allerdings eine etwas peinliche – hoffentlich nicht allzu gravierende – Situation. Ich ging auf die Toilette, da ich vorher ziemlich viel getrunken hatte. Als ich fertig war, wollte ich natürlich spülen. Doch egal, wie sehr ich suchte – ich fand einfach keinen Spülknopf oder Spülhebel! Nirgends stand, ob es sich vielleicht um eine automatische Spülung handelte oder ob man irgendetwas Besonderes tun musste.

Ich wusste zwar inzwischen, dass der Knopf mit der Aufschrift 流す normalerweise der richtige war und dass japanische Toiletten manchmal ziemlich kompliziert sein konnten – aber einen solchen Knopf gab es dort nicht. Ich wurde langsam nervös. Meine Tandemfreundin wartete bestimmt schon, und nach einem Hotelmitarbeiter zu suchen, nur um zu fragen, wie man die Toilette spült, war mir dann doch zu unangenehm. Also ließ ich schweren Herzens mein kleines Geschäft ungespült zurück... Wenigstens war es kein großes!


Kurashiki – eine Perle in Weiß mit Herbstmagie

Nachdem ich meiner Tandemfreundin von meinem kleinen Fauxpas im Hotel erzählt hatte und mich ein wenig erleichtert fühlte, nahmen wir erneut die Straßenbahn – diesmal in Richtung Bahnhof. Denn sie wollte mir noch eine weitere Stadt zeigen: Kurashiki. Bis zum Vortag hatte ich kaum von dieser Stadt gehört. Später stellte ich fest, dass auch eine Bekannte aus Nara sie mir empfohlen hatte, als ich ihr von meiner geplanten Okayama-Reise erzählte.

Außer Okayama selbst kannte ich bisher kaum Orte in der gleichnamigen Präfektur – abgesehen von Tsuyama, wo meine Tandemfreundin ursprünglich herkommt. Umso neugieriger war ich auf Kurashiki.

Wir nahmen einen Futsū (Local Train), der an jeder Station hielt. Nach etwa 20 Minuten erreichten wir Kurashiki. Schon beim Verlassen des Bahnhofs hatte ich den Eindruck, in einer größeren Stadt gelandet zu sein – viel größer, als ich erwartet hatte. Noch überraschter war ich, als ich später erfuhr, dass Kurashiki über 400.000 Einwohner zählt. Zunächst führte unser Weg durch breite Straßen mit viel Verkehr. Ich folgte meiner Tandemfreundin, die sich hier offenbar gut auskannte.

Doch schon bald veränderte sich das Bild: Das geschäftige Stadtgefühl wich einer Atmosphäre wie aus einer anderen Zeit. Wir betraten die Bikan Historical Area, die historische Altstadt Kurashikis – ähnlich wie in Takayama, das ich Anfang November besucht hatte. Auch hier dominierten traditionelle Gebäude im Edo-Stil, Rikschas fuhren an uns vorbei, und durch die Altstadt schlängelte sich ein ruhiger Fluss, über den mehrere Brücken führten.

Doch Kurashiki hatte etwas ganz Eigenes. Besonders auffällig war die Farbe der Häuser: Weiß – teils kombiniert mit dunklem Holz oder Fliesenmustern. Dieser helle, klare Stil unterschied sich stark von dem vieler anderer Altstädte in Japan und verlieh Kurashiki eine besondere, elegante Atmosphäre.

Der Herbst zeigte sich hier von seiner besten Seite: Zwischen noch grünem Laub leuchteten gelb, rot und orange gefärbte Bäume – und einige standen bereits kahl. Diese Farbenpracht vor den weißen Fassaden war einfach wunderschön. Ich weiß, ich habe es schon bei Okayama gesagt – aber Kurashiki war ebenso ein Ort, der mich restlos begeisterte.

Warum kannte ich diesen Ort vorher nicht? Er war nicht nur sehenswert, sondern auch angenehm ruhig – ganz ohne den Touristenansturm, den man in Kyoto oder Nara erlebt. Ein echtes Hidden Gem in der Chugoku-Region, die mir mehr und mehr als eine der unterschätzten Schatzkammern Japans erscheint.

Wir verbrachten etwa zwei Stunden in dieser eindrucksvollen Stadt, bevor wir wieder zurück nach Okayama fuhren.

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Kurashiki, 30 November 2024

Blick vom Bahnhof, Kurashiki, 30 November 2024


Zurück in Okayama und Abschied

Nach unserer Rückkehr kehrten wir noch kurz in ein kleines Café ein, um gemeinsam einen Tee zu trinken. Meine Tandemfreundin erzählte mir von ihren Zukunftsplänen: Nach ihrem Studienabschluss wollte sie nach Kyoto ziehen, um dort in einem Hotel zu arbeiten. Wir waren uns einig, dass wir uns, solange ich noch in Japan bin, unbedingt wiedersehen wollten – vielleicht in Kyoto oder Osaka, wie früher zum Tandemtreffen, bei dem wir gemeinsam Japanisch und Deutsch übten.

Ich war dankbar für diesen wundervollen Tag – für all die neuen Eindrücke in Okayama und Kurashiki, für das gemeinsame Erkunden und vor allem für das Wiedersehen nach über einem Jahr. Ihre Gesellschaft hatte diese Reise nicht nur bereichert, sondern ihr auch eine ganz persönliche Note verliehen. Leider kam es bis jetzt zu keinem weiteren Treffen – aber wer weiß: Noch bleiben mir zwei Monate in Japan. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit doch noch.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, machte ich mich auf den Rückweg zum Hotel. Unterwegs kaufte ich mir ein paar Snacks und Getränke für den Abend, den ich dann ruhig ausklingen ließ. Ich blickte zurück auf einen weiteren gelungenen Ausflug – voller neuer Entdeckungen, guter Gespräche und besonderer Momente.



Okayama ist zu empfehlen, wenn:

  • man japanische Großstädte mag, aber Tokyo und Osaka zu stressig findet

  • man sich für japanische Gärten interessiert

  • man Freude an japanischen Schlössern hat – auch an rekonstruierten

  • man die Momotaro-Legende spannend findet

  • man eine weniger überlaufene Alternative zum Schloss Osaka sucht (beide sind rekonstruiert)

  • man auf der Suche nach Orten ist, die im Herbst definitiv einen Besuch wert sind

Ähnliche Städte (die ich auch besuchte):

Kumamoto:
Okayama und Kumamoto ähneln sich in ihrer Größe – beide sind keine klassischen Touristenziele, aber dennoch nicht völlig unbekannt. In beiden Städten kann man sich gut mit der Straßenbahn fortbewegen, beide haben rekonstruierte Schlösser in dunkler Farbe. Ein Unterschied: In Okayama sind Erdbeben selten, während Kumamoto häufiger von stärkeren Beben betroffen ist.

Hiroshima:
Okayama ist so etwas wie Hiroshimas kleine Schwester. Beide Städte liegen im San’yo-Teil der Chūgoku-Region und ähneln sich in Atmosphäre und Natur. Während Hiroshima durch eine besonders tragische Geschichte geprägt wurde, erlebte auch Okayama im Zweiten Weltkrieg eine massive Zerstörung. Heute sind beide moderne, lebendige Städte.

Kanazawa:
Okayama besitzt mit dem Kōraku-en einen der drei berühmtesten Gärten Japans und ein Schloss; Kurashiki besticht durch seine schöne historische Altstadt. Kanazawa wiederum bietet mit dem Kenroku-en einen weiteren der drei großen Gärten, ebenfalls ein Schloss sowie eine historische Altstadt mit einem erhaltenen Samurai-Viertel.

Toyama:
Eine ähnlich ruhige Großstadt mit Straßenbahnen und einem schönen Schloss. Wer ein vergleichbares Reiseziel für ein entspanntes Wochenende sucht, ist in Toyama gut aufgehoben.

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