📍 Takayama (高山)
🗾 Präfektur Nr. 7: Gifu, Region Chūbu
📅 Reisezeit: 4.–5. November 2024
Etwas mehr als ein Monat nach meiner Ankunft in Japan war es dann so weit – ich begab mich endlich auf den Weg in eine neue Präfektur und damit auch in eine neue Region. Möglich wurde das u. a. durch zwei zusätzliche freie Tage an der Uni. Es war die Zeit des Universitätsfestivals, das hauptsächlich auf dem Toyonaka-Campus in der gleichnamigen benachbarten Stadt stattfand. Ich besuchte das Festival am Tag vor der Reise kurz – und das reichte mir auch völlig. Ich entschied mich bewusst dafür, lieber zu verreisen, als das Festival zu besuchen oder einfach zu Hause zu bleiben. Schließlich wollte ich dem Gefühl entkommen, meinen langersehnten Aufenthalt in Japan nicht richtig zu nutzen.
Kurz zuvor fragte ich eine flüchtige Bekanntschaft nach Reiseempfehlungen und ihren Lieblingsorten. Unter anderem nannte sie Takayama. Ich recherchierte die genannten Orte – und stellte fest, dass Takayama der günstigste und für mich am einfachsten erreichbare davon war.
Von der Präfektur Gifu hatte ich bereits gehört; ich wusste, dass sie irgendwo zwischen Tokyo und Osaka liegt – genauer gesagt, in der Chūbu-Region. Diese Region verbindet vereinfacht gesagt die Metropolregion Kantō (mit Tokyo und Yokohama) mit der Kansai-Region (Osaka, Kyoto, Kobe, Nara). Auch der berühmte Fuji-san liegt dort – an der Grenze der Präfekturen Shizuoka und Yamanashi. Die Region Chūbu ist groß und umfasst neben Gifu auch Aichi (wo Nagoya liegt), Fukui, Ishikawa, Niigata, Nagano, Toyama, Yamanashi und Shizuoka. Viele Berge prägen das Landschaftsbild, darunter die sogenannten Japanischen Alpen im Norden. Man kann sagen: Chūbu ist das geografische Bindeglied zwischen West- und Ostjapan. Da ich inzwischen alle Präfekturen dieser Region besucht habe, werde ich in kommenden Beiträgen noch öfter auf sie zu sprechen kommen.
Takayama war also der Beginn meiner persönlichen Entdeckungsreise durch Chūbu. Die Stadt liegt im Norden der Präfektur Gifu, relativ nah zu Kanazawa (Ishikawa) und Toyama, beide am Japanischen Meer. Sie ist umgeben von Bergen und traditionellen Kurorten wie Gero. Vor meinem Japan-Aufenthalt kannte ich Takayama nicht. Erst im Nachhinein fand ich heraus, dass der Anime Hyōka, den ich vor Jahren gesehen habe, in einer Stadt spielt, die auf Takayama basiert. Kurz vor oder während meiner Reise erfuhr ich außerdem, dass die Gegend rund um Takayama früher zur historischen Provinz Hida gehörte – daher wird Takayama auch als Hida Takayama bezeichnet.
Welche Erfahrungen ich in dieser Stadt sammelte und wie sich mein erster Besuch in einer mir völlig neuen Region Japans anfühlte – davon handelt dieser Beitrag.
Doch wie gelangt man eigentlich von Osaka nach Takayama? Eine kurze Google-Recherche verriet mir, dass es pro Tag nur eine einzige Direktverbindung zwischen diesen beiden Städten gibt – und zwar den Tokkyū bzw. Limited Express „Hida 25“, der kurz nach 8 Uhr morgens vom Bahnhof Shin-Osaka abfährt. Die Fahrt dauert etwas über vier Stunden und führt unter anderem über Kyoto, Kusatsu (in der Shiga-Präfektur), Gifu-Stadt und den Kurort Gero, bevor man schließlich gegen 12:13 Uhr in Takayama ankommt.
Für mich war es das erste Mal, dass ich mit einem Tokkyū-Zug in Japan fuhr – und ich lernte dabei, dass man für diese Züge in der Regel ein zusätzliches Ticket benötigt. Die Reservierung funktioniert ähnlich wie beim Shinkansen: Es gibt Wagen mit reservierten Sitzplätzen sowie solche mit freien Sitzplätzen, bei denen man sich einfach einen freien Platz sucht – sofern man schnell genug ist.
Und so stand ich also an einem Montagmorgen um kurz vor acht auf dem Bahnsteig in Shin-Osaka, an einem der Gleise für JR-Linien (nicht zu verwechseln mit den Shinkansen-Gleisen) und wartete gespannt auf den Zug. Als er einfuhr, war ich zunächst überrascht, wie schnell sich vor allem die Waggons mit nicht reservierten Sitzen füllten – sie waren bald vollständig belegt. Offenbar war Takayama ein beliebteres Reiseziel, als ich erwartet hatte.
Die erste Hälfte der Fahrt verbrachte ich daher stehend – eingezwängt zwischen Fahrgästen und deren Koffern, mit kaum einem Zentimeter Bewegungsfreiheit. Doch dann stiegen viele bereits in Kyoto und den darauffolgenden Städten wieder aus. Etwa auf halber Strecke kam dann die Durchsage des Zugpersonals, dass es weiter vorne Waggons mit vielen freien Plätzen gebe. Ich zögerte nicht lange und suchte mir dort einen Fensterplatz – endlich konnte ich mich setzen und die Fahrt wirklich genießen.
Vor allem bei der Durchfahrt durch die Gifu-Präfektur wurde ich regelrecht überwältigt: Dichte Wälder, Flüsse und Seen und sich auftürmende Berge zogen an mir vorbei – ich konnte kaum den Blick vom Fenster abwenden. Zu diesem Zeitpunkt war ich etwas über einen Monat in Japan und hatte außer einem Wochenende in Tokyo Anfang Oktober noch kaum Gelegenheit zu reisen. Umso stärker beeindruckte mich diese eindrucksvolle Natur. Ich zückte mein Smartphone, nahm ein kurzes Video auf und teilte es direkt auf Instagram – als kleines Lebenszeichen und mit dem Wunsch, diese atemberaubende Landschaft mit meinen Freunden und Followern zu teilen.
Gegen 12:15 Uhr kam ich planmäßig in Takayama an und machte mich auf den Weg zu meinem Gasthaus Hanzansha, das ich über Booking.com gebucht hatte. Bereits die Fotos auf der Plattform hatten vermuten lassen, dass sich das Gasthaus in einer etwas höher gelegenen Gegend befindet. Besonders schön fand ich dabei die Bilder im Winter – sie vermittelten eine ruhige, fast märchenhafte Atmosphäre.
In Osaka war es Anfang November noch überraschend warm, teils sogar heiß. Entsprechend reiste ich nur mit einem T-Shirt und einer leichten Jacke. Doch gleich nach der Ankunft in Takayama spürte ich, dass es hier merklich kühler war – und das sollte sich später noch deutlicher zeigen.
Die Gegend rund um den Bahnhof Takayama erinnert auf den ersten Blick an viele andere mittelgroße Städte in Japan. Dennoch wirkte es hier ruhiger. Ich verließ den Bahnhof und machte mich zu Fuß auf den Weg in Richtung der historischen Altstadt. Je näher ich dieser kam, desto mehr Menschen begegneten mir – und schließlich, inmitten der touristischen Zone, war ich überrascht, wie viele Besucher sich in dieser kleinen Stadt tummelten.
Wie bereits erwähnt, war mir Takayama vor dieser Reise relativ unbekannt, und ich hatte nicht damit gerechnet, dort Menschenmengen zu sehen, die Kyoto-Niveau erreichen. Natürlich ist Takayama viel kleiner als Kyoto, doch wenn man die Größe der Stadt mit der Anzahl der Touristen in Relation setzt, kann Takayama durchaus mithalten.
Da ich noch etwas Zeit bis zum Check-In hatte, entschloss ich mich zu einem Spaziergang durch die historischen Straßen, geprägt von wunderschöner Architektur aus der Edo-Zeit. Es war die erste Stadt seit meinem Kyoto-Besuch 2019, in der ich solch traditionelle Straßen sah – und sofort fühlte ich mich an Kyoto erinnert.
Ein weiterer interessanter persönlicher Vergleich kam mir während des Spaziergangs in den Sinn: Zakopane, die bekannte polnische Kurstadt in den Bergen. Natürlich sind die kulturellen und architektonischen Unterschiede erheblich – aber dennoch: Beide Städte sind klein, umgeben von Bergen, bekannt für ihre traditionellen Holzbauten und ihre touristische Anziehungskraft. Während in Zakopane vor allem polnische Touristen unterwegs sind, begegnet man in Takayama einer Mischung aus japanischen, chinesischen und westlichen Reisenden.
Auch in Takayama spürte ich eine winterliche Atmosphäre – obwohl es noch Herbst war. Vielleicht lag das an den vielen Winterfotos, die ich vor der Reise gesehen hatte. In jedem Fall konnte ich mir Takayama im Schnee lebhaft vorstellen – und freute mich umso mehr, endlich vor Ort zu sein.
Meine Unterkunft, das Gasthaus Hanzansha, erinnerte auf den Fotos ein wenig an ein traditionelles Ryokan – ein japanisches Gasthaus. In der Realität war es jedoch eher ein hybrides Konzept. Angesichts des relativ günstigen Preises von 6.800 Yen (ca. 40 Euro) pro Nacht war das allerdings keine große Überraschung.
Der freundliche Besitzer, ein Japaner, begrüßte mich sofort auf Englisch – noch bevor ich überhaupt meine Japanischkenntnisse einsetzen konnte. Automatisch schaltete ich ebenfalls auf Englisch um. Da ich etwas vor der offiziellen Check-in-Zeit um 14 Uhr angekommen war, bat er mich höflich zu warten, bevor ich den Zimmerschlüssel bekam – was ich natürlich tat.
Das Haus selbst wirkte wie ein Mischwesen aus Ryokan und Privathaus. Das Wohnzimmer sah ganz gewöhnlich aus, wie in einem größeren japanischen Familienhaus. Mein Zimmer hingegen war klar vom traditionellen Stil inspiriert: eine einfache Matratze zum Ausrollen, ein kleiner alter Tisch, teilweise tatamiartiger Boden und ein Fenster mit schönem Blick über die umliegende Wohngegend, denn das Gasthaus lag – wie erwartet – etwas erhöht auf einem Hügel. Ich konnte mir sofort vorstellen, an diesem Tisch zu sitzen, Haiku zu schreiben und dabei die Landschaft zu betrachten. Die Atmosphäre gefiel mir – und ich stellte mir vor, wie magisch ruhig es hier wohl im Winter sein musste.
Doch bei aller gemütlichen Stimmung hatte das Gasthaus auch einen deutlichen Nachteil, der mich später dazu brachte, auf meinen folgenden Reisen lieber Hotels zu buchen: Es gab nur zwei Toiletten im gesamten Haus – beide im Erdgeschoss, während mein Zimmer im Obergeschoss lag. Duschen gab es ebenfalls nur zwei – für alle Gäste.
Insgesamt schien das Gasthaus komplett von ausländischen Touristen, vor allem aus den USA, belegt zu sein – kein einziger japanischer Gast war dabei. Dadurch ging für mich ein Teil des typisch japanischen Ambientes verloren. Am Abend hörte ich aus dem Wohnzimmer ausschließlich englische Stimmen. Ich selbst blieb im Zimmer, bis ich spürte, dass sich die anderen schlafen gelegt hatten – erst dann schlich ich die quietschende Holztreppe hinunter zur Toilette. Einen Lichtschalter konnte ich übrigens nicht finden. Einige Zeit später musste ich erneut zur Toilette und wiederholte den ganzen Vorgang. Da wurde mir endgültig klar: Beim nächsten Mal buche ich etwas anderes.
Am nächsten Morgen wartete ich, bis die anderen Gäste abgereist waren – zum Glück recht früh –, bevor ich mich unter die Dusche wagte.
Zur Einordnung: Es war nicht das erste Mal, dass ich eine Unterkunft mit gemeinschaftlicher Toilette und Dusche nutzte. In polnischen Hostels war ich das durchaus gewohnt. Doch dort war die Situation etwas anders: Es gab mehr Sanitäranlagen, mehr räumliche Trennung und weniger direkte Begegnungen mit anderen Gästen. Das Gasthaus Hanzansha wirkte eher wie eine private Villa mit sehr geringer Lärmisolation – was das Miteinander auf engem Raum intensiver machte.
Fazit: Hanzansha ist ein schönes Gasthaus – vor allem, wenn man mit Familie oder Freunden reist. Und ich kann mir vorstellen, dass es gerade im Winter mit Schnee eine wunderschöne Atmosphäre hat. Für Alleinreisende ist es nur dann zu empfehlen, wenn man kein Problem damit hat, Räume und Sanitäranlagen zu teilen, sich enger Nähe zu anderen Gästen auszusetzen und dabei auf Privatsphäre teilweise zu verzichten.
Das Hida-Gyū und Takayama am Abend
Zwischen dem Check-in und der Nacht mit dem Toiletten-Abenteuer im Gasthaus war ich natürlich auch noch ein wenig in der Stadt unterwegs. Gegen 17 Uhr, als es bereits zu dämmern begann, beschloss ich, mich noch einmal auf den Weg in die Altstadt zu machen, um einen Ort zu finden, an dem ich etwas essen konnte. Mein Ziel war klar: Ich wollte eine lokale Spezialität probieren – und da ich bereits gehört hatte, dass Takayama für sein Wagyu bekannt ist, genauer gesagt für das Hida-Gyū, war meine Entscheidung schnell getroffen. Es sollte meine erste Erfahrung mit Wagyu werden.
Ich entschied mich für das Restaurant Aji no Yohei (味の与平), das vom Gasthaus aus in etwa zehn Minuten zu Fuß erreichbar war. Das Lokal hat eine eher edle, aber dennoch einladende Atmosphäre. Schnell spürte ich, dass es ein beliebter Ort in Takayama ist: Neben mir waren zahlreiche weitere Gäste da – sowohl Einheimische als auch ausländische Touristen.
Ich bestellte mir ein Hida-Gyū-Set (dazu gab es etwas Gemüse) und ein lokales Bier, das Hida White. Insgesamt kostete mich das Essen etwa 5000 Yen (rund 30 Euro) – also etwas mehr, aber für eine solche Spezialität durchaus in Ordnung.
Im Restaurant brät man das Hida-Gyū am Tisch selbst – eine Erfahrung, die ich damals noch nicht oft machte. Ich war noch ziemlich unerfahren, was Wagyu und Yakiniku betrifft, und hatte noch kein richtiges Gefühl dafür, wie lange ich das Fleisch braten sollte. Das Ergebnis: Einige Stücke waren am Ende etwas roh. Aber überraschenderweise war das Fleisch trotzdem zart und wohlschmeckend – selbst in diesem Zustand.
Nach dem Abendessen beschloss ich, das nächtliche Takayama noch einmal zu erkunden. Irrtümlicherweise stellte ich mir vor, die historischen Straßen würden am Abend in stimmungsvollem Licht erstrahlen und eine lebendige Atmosphäre ausstrahlen – doch alles kam ganz anders als erwartet.
Kaum war es dunkel geworden, verwandelten sich die wenigen Stunden zuvor noch vollen Straßen in nahezu menschenleere Gassen. Ab und zu begegnete man noch einzelnen Passanten, doch die meisten Geschäfte hatten bereits geschlossen und die Stadt wirkte plötzlich fast wie ausgestorben. Auch die Beleuchtung in der Altstadt war eher zurückhaltend. Gleichzeitig wurde es spürbar kühler, was der abendlichen Stimmung eine zusätzliche Note verlieh.
Heute vermute ich, dass viele der Touristen vermutlich aus nahegelegenen Städten wie Kanazawa oder Toyama angereist waren – vielleicht im Rahmen von Tagesausflügen. Am Nachmittag kehren sie dann mit Reisebussen oder Zügen zurück. Zwei Monate später besuchte ich Kanazawa zusammen mit meiner Freundin und entdeckte dort tatsächlich Angebote für Tagestouren nach Takayama. Auch in Toyama, das ich vor Kurzem besuchte, sah ich ähnliche Hinweise.
Obwohl Takayama am Abend deutlich ruhiger und dunkler war, verlor die Stadt nicht ihren besonderen Charme. Im Gegenteil: Die Stille, die leeren Gassen, die Kühle der Herbstnacht – all das verlieh Takayama eine fast schon meditative Atmosphäre. Eine ganz andere Seite der Stadt, aber nicht weniger faszinierend.
Bevor ich zurück zum Gasthaus ging, stattete ich noch einem Kombini einen Besuch ab, wo ich mir ein paar Snacks und Getränke kaufte – eine kleine Abendroutine, die mich auch in anderen Städten oft begleitete. Damit endete mein erster Tag in Takayama. Doch mein Aufenthalt in dieser Stadt war noch nicht vorbei – am nächsten Tag sollte ich noch mehr von Takayama entdecken.
Am Morgen des zweiten Tages beschloss ich, nach dem Check-out zunächst mein Gepäck im Gasthaus zu lassen und mich noch einmal in die historische Altstadt zu begeben. Der Check-out war um 10 Uhr, und direkt danach machte ich mich wieder auf den Weg in die Gassen, die ich bereits am Vortag gesehen hatte. Es stellte sich als eine gute Entscheidung heraus: Am Vormittag, der an diesem Tag übrigens etwas bewölkt war, waren deutlich weniger Touristen unterwegs. Zwar waren es immer noch nicht wenige, aber es war ruhig genug, um an den bekannten Fotospots bessere Fotos machen zu können.
Nach einem kurzen Spaziergang entschied ich mich für das Takayama Café in einer der historischen Straßen. Das Café war gemütlich – ich konnte in aller Ruhe meinen Hotdog, der überraschend gut schmeckte, genießen, dazu einen Earl Grey trinken und dabei aus dem Fenster schauen.
Nach dem Frühstück überlegte ich, wohin ich als Nächstes gehen könnte; schließlich blieben mir noch etwa vier Stunden bis zu meinem Zug zurück nach Osaka. Ich beschloss, die andere Seite der Stadt zu erkunden. Mit „der anderen Seite“ meine ich die Richtung gegenüber vom Gasthaus aus gesehen. Bevor ich mich dorthin auf den Weg machte, sah ich allerdings einen kleinen Laden, der Amazake anbot – und kurzerhand entschied ich mich, einen zu bestellen.
Ich muss zugeben: Durch ein Missverständnis hatte ich damals nur eine vage Vorstellung davon, was Amazake eigentlich ist, und dachte, es handle sich um ein alkoholisches Getränk. Tatsächlich ist Amazake ein süßes, traditionelles Getränk aus fermentiertem Reis, das in der kälteren Jahreszeit heiß und im Sommer meist gekühlt serviert wird. Aus meiner Erfahrung kann ich inzwischen sagen: Warm schmeckt es deutlich besser. Und so genoss ich, mit einem heißen Becher Amazake in der Hand, einen kurzen Moment in einer der historischen Straßen – bevor ich mich auf den Weg in einen neuen, mir noch unbekannten Teil Takayamas machte.
Ich lief in die entgegengesetzte Richtung der historischen Altstadt. Unterwegs wurde ich an einem Busparkplatz von einem Busfahrer angesprochen, der mich fragte, ob ich Teilnehmer einer Tour sei. Ich verneinte freundlich und setzte meinen Weg fort. Schon bald begegnete ich immer weniger Menschen, und die Gegend wurde merklich ruhiger – es ging nun bergauf.
Ich folgte einem Weg, der leicht anstieg. Unterwegs stieß ich auf einen kleinen Schrein und einen Tempel – vermutlich die Überreste des ehemaligen Schlosses Ayuzaki. Die Umgebung war geprägt von schöner Natur, und in der Nähe sah man viele private Wohnhäuser. Immer wieder boten sich beeindruckende Ausblicke auf die Stadt, auch wenn die historische Altstadt von hier aus kaum zu erkennen war.
Es gelang mir, eine kleine Runde durch diese ruhige Gegend zu drehen, sodass ich schließlich wieder an der mir bereits bekannten Hauptstraße in der Nähe des Gasthauses ankam. Da ich noch immer mehr als genug Zeit hatte, beschloss ich, diese Straße entlangzugehen – in eine Richtung, die ich bisher noch nicht erkundet hatte.
Nach etwa 20 Minuten entspannten Laufens sah ich links von mir eine Treppe. Als ich ihr folgte, entdeckte ich bald ein Torii, das über dem Pfad thronte. Links und rechts davon standen zwei Statuen bedrohlich aussehender Tiere – vermutlich Löwen? Ich ging durch das Torii und erinnerte mich dabei an etwas, das ich zuvor über den Shinto-Glauben gehört hatte: Auch Seelen und Geister sollen solche Tore passieren können.
Mir begegneten mehrere junge Frauen mit kleinen Kindern, die sich lebhaft unterhielten. Vor einem Gebäude, das etwas weiter vorne stand, entdeckte ich ein Plakat – es kündigte eine Shichi-Go-San-Veranstaltung an. Dieses traditionelle Fest ist Kindern gewidmet und wird gefeiert, damit sie gesund aufwachsen. Wie der Name schon sagt (Shichi-Go-San bedeutet „Sieben-Fünf-Drei“), richtet sich das Fest an Kinder im Alter von drei, fünf und sieben Jahren. Ich überlegte kurz, eine der jungen Mütter zu fragen, wann genau das Fest gefeiert wird, beschloss aber dann doch, meinen Weg fortzusetzen.
Links vom Hauptpfad, der durch den Schrein führte, befand sich eine weitere Treppe mit einem roten Torii. Als ich mich umsah, fiel mein Blick auf eine Baumreihe mit gelbem und stellenweise schon rotem Laub. War das etwa das berühmte Kōyō (紅葉) – das herbstliche Farbenspiel, für das Japan so berühmt ist? In Osaka war es bislang noch recht warm, sodass dort kaum herbstliche Färbung zu sehen war. Doch Takayama war spürbar kühler, besonders am Abend – da war es durchaus plausibel, dass hier das erste Herbstlaub zu sehen war.
Begeistert von diesem Anblick stieg ich den kleinen Hügel hinauf, wo sich ein weiterer, kleiner Inari-Schrein mit Fuchs-Statuen befand. Mit Inari-Schreinen war ich bereits seit meiner ersten Japan-Reise vertraut – mein polnischer Kumpel, mit dem ich damals reiste, mochte Füchse sehr und interessierte sich besonders für diese Schreine. Im Shintoismus gilt Inari als Gott der Ernte, und die Füchse – Kitsune – sind seine Boten.
Und während ich den Higashiyama-Schrein (so hieß dieser Schrein nämlich) erkundete und das erste Herbstlaub bewunderte, überkam mich endlich wieder jenes Gefühl der Euphorie, das ich zuletzt vor 5,5 Jahren bei meiner ersten Japan-Reise beinahe täglich gespürt hatte. Ich realisierte in diesem Moment, dass ich ganz eigenständig eine gelungene Reise zu einem mir völlig neuen Ort organisiert hatte. Die Reise nach Takayama war geprägt von überwiegend positiven Erlebnissen. Selbst die weniger angenehmen Momente – wie der überfüllte Zug während der ersten Fahrthälfte, die Touristendichte in einigen Straßen oder die abenteuerlichen nächtlichen Toilettengänge im Gasthaus – würde ich nicht als etwas Negatives bezeichnen. Sie waren vielmehr Erfahrungen, die meine Reise bereicherten, meine Erwartungen realistischer machten und mir halfen zu verstehen, worauf ich bei künftigen Reisen achten möchte.
Bevor ich mich auf den Rückweg zum Bahnhof machte, verbrachte ich noch etwa eine Stunde auf einer Bank gegenüber des Takayama Retro Museums, direkt am Fluss Miyagawa. Wenn ich Takayama wieder besuche, möchte ich dieses Museum unbedingt einmal von innen sehen. Der Ort war angenehm ruhig – deutlich entspannter als die nur wenige Gehminuten entfernten historischen Gassen. Neben mir saß zunächst ein älteres Paar, das sich bald wieder auf den Weg machte, später setzte sich eine Frau mit ihrem Kind neben mich – auch sie blieb nur kurz. Ab und zu schlenderten Einheimische oder Touristen am Museum vorbei. Es war ein Moment der Ruhe, der genau zum Ausklang dieser Reise passte.
Eigentlich hatte ich nicht mehr vor, vor der Abfahrt noch etwas zu unternehmen. Doch auf dem Rückweg stieß ich eher zufällig auf die Takayama Jinya, ein historisches, wenn auch restauriertes Regierungsgebäude mit einem japanischen Garten – und entschloss mich spontan, es zu besuchen. Das Gebäude stammt ursprünglich aus der Edo-Zeit und diente der Verwaltung der damaligen Provinz Hida. Solche Jinyas sind heute in Japan relativ selten zu finden. Zwar erinnern manche Schlösser oder Samurai-Residenzen atmosphärisch an diese Bauweise, doch das Wissen, dass es sich hier um ein Original-Gebäude mit Verwaltungshistorie handelt, verleiht der Takayama Jinya eine besondere Authentizität.
Nach dem Rundgang machte ich mich schließlich auf den Weg zum Bahnhof. Viel Zeit blieb mir nicht mehr – aber genug, um den Zug entspannt zu erreichen. Tatsächlich war ich sogar ein paar Minuten zu früh. Interessanterweise war Takayama die einzige Stadt, an die ich mich erinnere, in der die Fahrgäste erst zu einer bestimmten Zeit auf den Bahnsteig gelassen wurden. So bildeten sich kurze Schlangen vor den Ticket-Gates, bis schließlich der Zugang freigegeben wurde.
Schon wenig später saß ich in einem angenehm leeren Waggon des Limited Express Hida. Vor mir saß vermutlich ein Hobby-Fotograf, der mit seiner Kamera die vorbeiziehenden Berglandschaften von Gifu festhielt. Bald wurde es dunkel. Die Berge verwandelten sich in schwarze Silhouetten, bis sie ganz im Dunkel verschwanden – und wir durch die nächsten Präfekturen fuhren. Nach rund vier Stunden kam ich wieder in Osaka an.
Takayama ist zu empfehlen, wenn...
- man historische Städte mit gut erhaltener Edo-Architektur und traditioneller Atmosphäre mag
- man sich für japanische Kultur, Geschichte und traditionelle Schreine interessiert
- man auch Freude am Besuch von Provinz und kleineren Städten in Japan außerhalb von Metropolen findet
- man Berglandschaften und ruhige Naturumgebung mag
- man Wert auf lokale Spezialitäten wie Hida-Gyu legt
- man ein lohnenswertes Reiseziel für einen kurzen Ausflug von 1–2 Tagen sucht
- man auf der Suche nach einem etwas kühleren Ort in Japan ist
Ähnliche Städte (die ich auch besuchte)
Kyoto – Die historische Hauptstadt Japans mit deutlich mehr Schreinen, Tempeln, Kultur und regionalen Spezialitäten als Takayama – aber auch mit erheblich mehr Touristen. Wer Geschichte in ihrer ganzen Fülle erleben will, wird hier fündig, muss sich aber auf größere Menschenmengen einstellen.
Kurashiki (Präfektur Okayama) – Obwohl Kurashiki eigentlich deutlich größer als Takayama ist, besitzt die Stadt ein wunderschön erhaltenes historisches Stadtviertel mit Kanälen, kleinen Brücken, traditionellen Häusern und Rikschas. Als ich durch Kurashiki lief, hatte ich das Gefühl: „Takayama in Weiß“ – eine ähnliche Atmosphäre, aber mit helleren Fassaden und eigener Identität.
Kanazawa (Präfektur Ishikawa) – Eine größere Stadt an der Küste des Japanischen Meeres, die wie Takayama eine Altstadt aus der Edo-Zeit bietet. Besonders bekannt ist Kanazawa für den Garten Kenroku-en, der zu den drei schönsten Gärten Japans zählt, sowie für das gut erhaltene Samurai-Viertel. Die Stadt wird in den letzten Jahren immer beliebter als Reiseziel – ähnlich wie Takayama, aber urbaner.
Uchiko (Präfektur Ehime) – Eine kleine, charmante Stadt auf Shikoku mit einer ruhigen Altstadt, die an Takayama erinnert. Anders als die bekannteren Orte ist Uchiko noch ein echter Geheimtipp – mit sehr wenigen Touristen, entspannter Atmosphäre und viel authentischem Japan-Feeling.
































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