Mein Tōhoku-Winterabenteuer: Vorbereitung (#14)

In den letzten Dezembertagen des Jahres 2024 war es endlich soweit: Ich wagte meine erste große Reise innerhalb Japans. Streng genommen war es vielleicht nicht meine allererste große Reise – schließlich war ich schon 2019 zwei Wochen lang in den Regionen Kantō und Kansai unterwegs – aber es war meine erste große Tour während meines Japan-Jahres.

Bisher hatte ich mich meist nur in die naheliegenden Präfekturen der Kansai- und Chūgoku-Region gewagt (Tokyo im Oktober mal ausgenommen). Dieses Mal aber sollte es in ein echtes „Neuland“ gehen – viele Hundert Kilometer entfernt, und mein nördlichstes Ziel lag sogar über tausend Kilometer von Osaka entfernt. Ich entschied mich für die Region Tōhoku.

Zunächst überlegte ich, ob ich nicht direkt nach Hokkaidō reisen sollte. Doch Hokkaidō ist im Winter ein sehr beliebtes und dementsprechend teures Ziel. Also fiel meine Wahl auf die Region, die Hokkaidō am nächsten liegt. Mein nördlichstes Ziel: Aomori – die Stadt ganz im Norden der Hauptinsel Honshū. Von dort wollte ich weiter in die Präfektur Iwate und schließlich nach Sendai in der Präfektur Miyagi.

Über meine Tōhoku-Reise werde ich in vier Teilen berichten. In diesem Beitrag erzähle ich zunächst von meinen Sorgen und Vorbereitungen, die mich vor der Abfahrt beschäftigten – und warum ich die Reise genau so plante. Die weiteren Beiträge widme ich dann jeweils einem meiner Ziele.


Meine Sorgen vor der Reise

Mir war von Anfang an klar, dass ich mich auf etwas Abenteuerliches – und vielleicht auch ein Stück weit Riskantes – einließ. Schließlich würde ich allein in eine Region reisen, die weit entfernt von meiner Uni und meinem Studentenwohnheim lag. Dort wäre ich komplett auf mich selbst gestellt.

Aus meinen Recherchen wusste ich, dass ich mit viel Schnee zu rechnen hatte. Also würde ich besonders darauf achten müssen, nicht auszurutschen und mich zu verletzen – schon das klang herausfordernd genug. Aber es kam noch etwas dazu: Tōhoku ist eine Region, die auch für häufige Erdbeben bekannt ist. In Fukushima – der südlichsten Präfektur Tōhokus – ereignete sich 2011 das schwere Erdbeben mit dem darauffolgenden Tsunami. Wollte ich mich wirklich auf so etwas Gefährliches einlassen, fragte ich mich. Was, wenn ein starkes Erdbeben passiert? Oder ein Erdrutsch? Ich musste unweigerlich an das Erdbeben mit Tsunami in der Hokuriku-Region zu Neujahr 2024 denken, das die Noto-Halbinsel in der Präfektur Ishikawa so stark traf. Auch wenn Hokuriku zur Chūbu-Region gehört – ein ähnliches Szenario konnte man sich für Tōhoku gut vorstellen. Genau diese Gedanken gingen mir in den Tagen vor der Abfahrt immer wieder durch den Kopf.

Doch diesen Sorgen stellte ich Gegenargumente gegenüber: Wenn ich mich ständig vor Erdbeben fürchte, dann dürfte ich Westjapan ja gar nicht verlassen, dachte ich mir. Und selbst dort ist man nicht völlig sicher – man denke nur an das Osaka-Erdbeben 2018 oder das katastrophale Hanshin-Awaji-Erdbeben in Kobe 1995.

Naturkatastrophen und Schnee waren allerdings nicht meine einzigen Sorgen. Ich ahnte – und sollte später bestätigt werden –, dass zur Neujahrszeit unglaublich viele Menschen mit dem Shinkansen und anderen Zügen unterwegs sein würden. Ein gutes Ticket zu bekommen, könnte also schwierig werden. Aber dann dachte ich mir: Shinkansen fahren schließlich viele, und ein paar Stunden Stehen würde ich schon überleben.

Und dann gab es noch eine kleinere Sorge: die Finanzierung. Zwar hatte ich im November und Dezember endlich meine Stipendien und Förderungen erhalten und konnte mir die Reise problemlos leisten. Aber im Hinterkopf blieb der Gedanke: Nach der Tōhoku-Reise lagen noch acht bis neun Monate Japan vor mir – und viele weitere Reisepläne. Also sollte ich mein Budget im Auge behalten und nicht gleich zu viel ausgeben.


Warum ausgerechnet diese Region?

Wenn eine Reise mit so vielen möglichen Risiken verbunden ist – warum habe ich mich dann überhaupt für ein solches Abenteuer entschieden, mag manch einer fragen. Die Gründe waren vielfältig.

Zum einen wollte ich endlich einen echten japanischen Winter erleben – mit Schnee, Kälte und all dem, was dazugehört. Zum anderen war ich besonders neugierig auf Aomori und Sendai. Von beiden Städten hatte ich schon gehört, und ich dachte mir: Wenn es nicht bis nach Hokkaidō geht, dann möchte ich zumindest den Norden Japans kennenlernen. Alles nördlich von Tōkyō war für mich damals noch völliges Neuland, und die Vorstellung, diese unbekannte Region zu entdecken, übte einen starken Reiz auf mich aus.

Ein weiterer Grund war die Annahme – die sich später auch bestätigte –, dass ich während meines Japan-Jahres wohl keine zweite Gelegenheit bekommen würde, nach Tōhoku zu reisen. Für das Frühjahr hatte ich bereits Pläne, die Chūgoku-Region sowie Kyūshū und Shikoku zu erkunden. Über den Sommer dachte ich zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht nach, aber heute, während ich diesen Beitrag im Sommer schreibe, weiß ich: Auch in dieser Zeit hatte ich andere Pläne. Eine Tōhoku-Reise wäre da kaum hineingepasst. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich das Interesse an dieser Region verloren hätte – ganz im Gegenteil! Ich möchte Tōhoku unbedingt noch einmal besuchen, beim nächsten Mal vielleicht gemeinsam mit meiner Freundin. Doch fürs Erste musste es warten, und umso glücklicher bin ich, dass ich die Region im Winter erleben durfte.

Trotz aller Zweifel war mir klar: Diese Reise würde mein Selbstvertrauen stärken und mir die Möglichkeit geben, Japan noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenzulernen. Und genau so kam es auch.

In den kommenden Beiträgen werde ich daher jeweils einer Stadt ein eigenes Kapitel widmen und ausführlicher von meinen Eindrücken und Erfahrungen berichten.

Besonders spannend war für mich die Vorstellung, das Neujahr in Morioka, der Hauptstadt der Präfektur Iwate, zu verbringen. Ein Jahreswechsel ganz allein in einer völlig fremden Stadt – das klang nach einem einzigartigen Erlebnis. Ein wenig Sorgen machte ich mir höchstens wegen möglicher betrunkener Passanten; unsere Dozentin hatte uns im Vorfeld gewarnt, dass man an den Feiertagen durchaus auf solche Begegnungen stoßen könne. Aber ich dachte mir: Morioka ist nicht Ōsaka – dort würde es bestimmt etwas ruhiger zugehen.


Zugtickets und die Winterschuhe

Vor meiner Reise mussten noch zwei wichtige Dinge erledigt werden: die Tickets für den Shinkansen und die passende Winterkleidung.

Am 27. Dezember, also nur zwei Tage vor meiner geplanten Abfahrt, fuhr ich schließlich zum Bahnhof Shin-Ōsaka. Manch einer mag sich fragen, warum ich das so spät erledigte. Der Grund war, dass ich tagelang überlegte, welches Ticket am sinnvollsten wäre – und ob es vielleicht eine günstigere Alternative zum regulären Shinkansen-Ticket gäbe. Schließlich waren diese ziemlich teuer: über 27.000 Yen (rund 160 Euro) für eine einfache Fahrt.

Wie ich heute weiß – und auch schon in einem früheren Beitrag erwähnte –, können Austauschstudenten den JR Pass nicht nutzen. Damals war ich mir dessen allerdings noch nicht ganz sicher. Da der Kauf ohnehin kompliziert wirkte (online bestellen, per Kreditkarte zahlen, später am Bahnhof abholen), schaute ich mich nach weiteren Möglichkeiten um. Dabei stieß ich auf den sogenannten Tōhoku-Pass. Dieser kostete etwa 30.000 Yen und war fünf Tage gültig. Zwar galt er nicht ab Ōsaka, sondern erst ab Tōkyō, aber in Kombination mit einem Shinkansen-Ticket schien er mir eine lohnenswerte Option zu sein. Schließlich hätte ich ihn für die Fahrten von Aomori nach Morioka und weiter nach Sendai einsetzen können – und auch für andere Züge oder Busse in der Region. Da es zudem so aussah, als könne man den Pass direkt am Bahnhof erwerben, fasste ich den Entschluss, es zu versuchen.

Doch dieser Plan scheiterte schneller, als gedacht. Als ich am Schalter in Shin-Ōsaka nach dem Tōhoku-Pass fragte, musste die Mitarbeiterin zunächst selbst recherchieren, ob es diesen Pass überhaupt gibt. Kurz darauf erklärte sie mir jedoch, dass er dort leider nicht erhältlich sei. Shō ga nai – da lässt sich wohl nichts machen, dachte ich, und kaufte schließlich ein normales Ticket bis zum Bahnhof Shin-Aomori.

Meine Route würde also so aussehen: zunächst mit dem Tōkaidō-Shinkansen bis nach Tōkyō, dort umsteigen und mit dem Tōhoku-Shinkansen bis nach Shin-Aomori weiterfahren. Während ich für den Abschnitt bis Tōkyō einen Sitzplatz hatte, sah es so aus, als müsste ich die knapp vierstündige Fahrt von Tōkyō bis Aomori stehend verbringen. „Naja, das überstehe ich schon“, redete ich mir ein.

Tickets waren gekauft – nun stellte sich die nächste Frage: Brauchte ich noch spezielle Winterkleidung für die Reise? Mein Gefühl sagte mir, dass es zumindest klug wäre, ein Paar Winterschuhe zu besorgen. Eine knappe Woche lang mit nassen Füßen durch Schnee und Kälte zu laufen, klang nicht unbedingt nach einer spaßigen Perspektive. Zum Glück hatte ich meine Winterjacke schon aus Deutschland mitgebracht, sodass ich mich darum nicht kümmern musste.

Am Abend des 28. Dezember, also einen Tag vor der Abreise, fuhr ich deshalb ins Q's Mall in Minoh und steuerte den ABC Mart an. Dort angekommen, musste ich erst einmal herausfinden, welche Schuhgröße für mich in Japan in Frage kam – mit dem japanischen Größensystem war ich schließlich noch nicht vertraut. Normalerweise trage ich Größe 42 oder 43, also musste ich mich nach Modellen zwischen 26,5 und 27,5 umsehen. Nach einigem Suchen fand ich schließlich ein Paar Schuhe, das perfekt für eine Reise durch verschneite Regionen geeignet schien – und kaufte es.

Damit waren nun alle wichtigen Vorbereitungen abgeschlossen. Und so hieß es am Morgen des nächsten Tages: Auf in den Norden!

Die Winterschuhe für die Tohoku-Reise

Welche Jacke anziehen?

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