Vier Monate sind seit meinem Post über „10 Dinge, die ich an Japan liebe und in Deutschland vermissen werde“ vergangen (und wie erwartet, vermisse ich diese Dinge bereits), und drei Wochen sind seit meiner Rückkehr nach Deutschland verstrichen.
Wer meinen Blog verfolgt und meine vorherigen Beiträge gelesen hat, weiß sicherlich, dass ich Japan liebe – Japan und die japanische Sprache sind ein wichtiger Teil meines Lebens.
Aber wie jedes andere Land auch, ist Japan natürlich nicht perfekt und hat seine eigenen Tücken. Wie ich bereits in meinen frühen Beiträgen schrieb, bleibt meine Liebe zu Japan nun schon seit zehn Jahren nahezu unverändert – sie hat sich lediglich in eine realistischere Form verwandelt. Einer der Gründe dafür ist wohl, dass ich mir immer Mühe gegeben habe, Japan nicht zu idealisieren und mich mit den unterschiedlichsten Aspekten des Landes auseinanderzusetzen.
In dem Jahr, das ich in Japan verbrachte, machte ich sehr viele Erfahrungen – die meisten davon waren toll und interessant, einige aber auch frustrierend oder einfach nervig. Und genau über diese möchte ich in diesem Beitrag sprechen.
Ich habe mir zehn Dinge überlegt, die mich in Japan genervt haben – und ich muss sagen, es fiel mir tatsächlich gar nicht so leicht, zehn Punkte zu finden. Aber irgendwie habe ich es doch geschafft.
Was mich also in Japan genervt hat – darum geht es in diesem Beitrag.
1) Bürokratie
Was die Bürokratie betrifft, ist die Situation in Japan leider nicht viel besser als in Deutschland. Während meines Jahres dort bekam ich so viele Briefe von Ämtern, Versicherungen und anderen Stellen, dass ich irgendwann fast den Überblick verlor, was wichtig war und was nicht. Und diese Bürokratie begleitete mich tatsächlich bis zum Schluss.
Ein positiver Nebeneffekt war immerhin, dass ich mich irgendwann dazu überwinden musste, Telefonate mit Ämtern auf Japanisch zu führen – etwas, das mir anfangs ziemlich Angst machte, aber am Ende eine wertvolle Erfahrung war. Ich hatte zwar schon zuvor mit meiner Freundin und anderen japanischen Freunden telefoniert, aber mit Behörden oder Dienstleistungsfirmen zu sprechen ist natürlich eine ganz andere Hausnummer.
Zum Glück half mir meine Freundin oft bei den Dokumenten und Briefen, sodass ich rechtzeitig auf wichtige Benachrichtigungen reagieren konnte. Und wenn ich im Wohnheim in Minoh war, fragte ich entweder die Mitarbeiterinnen des Wohnheims oder ChatGPT um Rat – vor allem bei Schreiben, mit denen ich gar nichts anfangen konnte.
Wie in jedem Land hat auch Japan seine ganz eigene „Behördensprache“, und als jemand mit einem Japanisch-Level um N3 verstand ich viele dieser Ausdrücke schlichtweg nicht.
2) Mülltrennung
Ich habe schon öfter gehört, dass die Mülltrennung in Deutschland kompliziert sei – und irgendwo kann ich das auch nachvollziehen. Doch die Mülltrennung in Japan kann noch komplizierter sein. Das Stichwort dabei lautet: „kann“ – denn jede Stadt hat ihre eigenen Regeln.
Grundsätzlich unterscheidet man in Japan zwischen brennbarem Müll (燃えるゴミ, moeru gomi) und nicht brennbarem Müll (燃えないゴミ, moenai gomi). Mancherorts gibt es zusätzlich noch Plastik als eigene Kategorie. Der Witz an der Sache: Diese Kategorien und die Zuordnung einzelner Gegenstände variieren von Ort zu Ort.
Ich hatte die Gelegenheit, in Minoh und Higashiosaka zu wohnen und war außerdem mehrmals im Haus der Großmutter meiner Freundin in Kobe. Obwohl Minoh und Higashiosaka beide in der Osaka-Präfektur liegen, könnten ihre Mülltrennungsregeln kaum unterschiedlicher sein.
In Minoh wirft man in den brennbaren Müll unter anderem Verpackungen, Essensreste und Papier. Plastikflaschen gehören in die Plastik-Kategorie – aber bitte vorher das Etikett abziehen und dieses wiederum in den moeru gomi werfen. Und nicht vergessen: Den gesamten brennbaren Müll muss man in spezielle, von der Stadt Minoh ausgegebene Müllbeutel packen. Andernfalls nimmt die Müllabfuhr ihn einfach nicht mit. Kein Wunder also, dass ich rund zwei bis drei Wochen brauchte, bis ich mich endlich traute, das erste Mal in Minoh den Müll rauszubringen. Ähnliche Regeln galten übrigens auch in Kobe.
In Higashiosaka dagegen war alles deutlich entspannter: Dort konnte man fast alles in den brennbaren Müll werfen – sogar Plastikflaschen – und es waren keine speziellen Müllbeutel nötig. Warum kann es nicht überall so einfach sein?, dachte ich mir jedes Mal, wenn ich bei meiner Freundin zu Hause etwas entsorgte.
3. Kaum Mülleimer auf den Straßen
Bleiben wir beim Thema Müll – aber diesmal aus einer anderen Perspektive. Bei diesem Punkt kann ich immerhin nachvollziehen, warum es so ist. Früher, wie in vielen anderen Ländern auch, gab es in Japan an vielen Orten Mülleimer auf den Straßen. Doch nach dem verheerenden Giftgasanschlag der Sekte Ōmu Shinrikyō im Jahr 1995 in Tokio, bei dem Abfalleimer für die Tat missbraucht wurden, entschied man sich, diese im ganzen Land weitgehend zu entfernen.
Seitdem tragen die meisten Japaner ihren Müll einfach bei sich und entsorgen ihn zu Hause oder in einem Kombini.
Etwas häufiger findet man Abfallbehälter in der Nähe von Getränkeautomaten – aber selbst dort sind sie in der Regel nur für Flaschen und Dosen gedacht.
Der Grund für den Mangel an Mülleimern ist also nachvollziehbar, im Alltag aber manchmal etwas unpraktisch. Den Müll, den man in den Rucksack oder in die Jacken- oder Hosentasche steckt, vergisst man leicht. Und mit einer leeren Getränkeflasche herumzulaufen, bis man endlich einen geeigneten Behälter findet, ist auch nicht gerade bequem.
Ich kaufte mir oft am Bahnhof Mito in Higashiosaka ein Getränk und trank es spätestens bis Tsuruhashi, wo ich oft umstieg, aus – einfach, weil ich wusste, dass es dort Mülleimer für Flaschen gibt.
4. Enge Straßen
Wer sich im Zentrum von Osaka oder in anderen Großstädten bewegt, wird dieses Problem kaum bemerken. Doch sobald man in ruhigeren Gegenden unterwegs ist, sieht die Sache ganz anders aus. Dort kann es durchaus vorkommen, dass man sich als Fußgänger eine ziemlich enge Straße mit Autos, Fahrrädern und Mopeds teilen muss – was mitunter ganz schön nervig sein kann.
Man muss den Japanern allerdings zugutehalten, dass sie in solchen Situationen ausgesprochen vorsichtig sind und es daher nur selten zu Unfällen kommt. Trotzdem weiß man manchmal einfach nicht, wohin man ausweichen soll, wenn ein Fahrrad nach dem anderen kommt – und gleichzeitig aus der engen Seitenstraße ein Auto auftaucht.
Da ich oft mit meiner Freundin als Beifahrer unterwegs war, konnte ich sehen, dass solche Straßen nicht nur für Fußgänger, sondern auch für Autofahrer ziemlich anstrengend sein können.
Straßen dieser Art begegneten mir besonders häufig in Higashiosaka, aber auch stellenweise in Minoh und anderen Orten, die ich bereiste. Und selbst dort, wo keine Autos fahren, teilen sich Fußgänger und Radfahrer oft relativ enge Gehwege – was zu kleinen Slalomläufen im Alltag führen kann.
5. Langsames und teures Autofahren
Das Autofahren in Japan kann ziemlich anstrengend sein. Ich selbst bin zwar in Japan noch nicht selbst gefahren, war aber oft mit meiner Freundin als Beifahrer unterwegs und konnte dabei einen guten Eindruck davon bekommen, welche Herausforderungen das Autofahren in Japan mit sich bringt. Wir waren hauptsächlich in der Gegend rund um Osaka und Kobe unterwegs, aber auch auf der Insel Awaji sowie auf Shikoku.
Zu Beginn: Minoh und Higashiosaka trennen etwas mehr als 20 Kilometer – doch für diese Strecke kann man gut anderthalb Stunden brauchen! Bis nach Kobe dauerte die Fahrt oft zwei bis drei Stunden, obwohl die größte Stadt der Präfektur Hyōgo nur etwa 40 bis 50 Kilometer von Osaka entfernt liegt. Auf den Straßen, die man mit deutschen Bundesstraßen vergleichen könnte, begegnen einem unzählige Ampeln, und die Geschwindigkeitsbegrenzung liegt meist bei nur 80 km/h. Man kann zwar auch den Highway benutzen, aber dafür muss man Maut bezahlen.
Bis zur knapp 100 Kilometer entfernten Awaji-Insel kann man gut vier Stunden einplanen. Dorthin zu fahren wird noch ein Stück teurer, da man auch für das Befahren der Akashi-Kaikyō-Brücke bezahlen muss – etwa 2.300 Yen, also rund 13 Euro. Hin und zurück sind das schon rund 26 Euro, nur für die Brücke!
Da man in der Stadt sehr oft an Ampeln stehen muss und insgesamt eher langsam vorankommt, verbraucht man auch entsprechend mehr Sprit. Vielleicht ist das der Grund, warum man relativ selten Autos mit Kennzeichen aus fernen Präfekturen sieht? Es kommt vor, aber eher selten.
Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, mal auf das Auto zu verzichten und stattdessen mit dem Zug zu fahren (in Japan war ich viel und gern mit dem Zug unterwegs) – aber das Problem ist, dass man manche Orte ohne Auto gar nicht erreichen kann. Zum Beispiel kann man zur Awaji-Insel nicht mit dem Zug fahren. Theoretisch gibt es zwar Busse, aber wenn man einmal auf der Insel ist, kommt man ohne Auto nicht besonders gut voran.
6. Komplizierte und manchmal unübersichtliche Bahnhof-ÜbergängeDer nächste Punkt ist etwas, das bei mir mehr als einmal für Verwirrung gesorgt hat. Hätte ich mir nicht im Voraus eine Strategie überlegt, wäre ich wahrscheinlich irgendwann in einem Bahnhof stecken geblieben.
Fangen wir mit den Grundlagen – Level 1 – an:
Man kauft ein Ticket für den Shinkansen oder Tokkyu, geht durch das Gate, steckt das Ticket in den Schlitz, und es kommt auf der anderen Seite wieder heraus. Beim Aussteigen geht man mit demselben Ticket wieder durch das Gate – einfach und logisch.
Level 2: Man hat eine Reservierung oder fährt mit mehreren Zügen. In solchen Fällen bekommt man meist zwei Tickets – ein Fare Ticket (für die gesamte Strecke) und ein Ticket mit den Reservierungsinformationen (Waggon, Sitznummer usw.). Beim Betreten des Gates müssen beide gleichzeitig eingeführt werden. Sie kommen am anderen Ende wieder heraus – soweit noch alles nachvollziehbar.
Aber es geht noch komplizierter.
Level 3: Man fährt mit Zügen verschiedener Bahngesellschaften – zum Beispiel JR und Kintetsu. In diesem Fall hat man Tickets beider Unternehmen. Beim Übergang von einem Areal ins andere (z. B. vom JR-Bereich in den Kintetsu-Bereich) müssen alle relevanten Tickets gleichzeitig eingeführt werden. Das können manchmal drei oder vier Stück sein! Heraus kommen dann die, die man für die Weiterfahrt noch braucht. Auch das ist mit etwas Übung noch verständlich – aber man merkt, dass es ohne Erfahrung schnell unübersichtlich werden kann.
Level 4: Man fährt mit Zügen desselben Unternehmens, aber in verschiedenen Kategorien.
Zum Beispiel: Erst mit einem Kyūkō (Express) oder Futsū (Local), danach mit einem Tokkyū. Da beides zur selben Bahngesellschaft gehört, muss man beim Umsteigen nicht durchs Gate. Beim Aussteigen jedoch muss man zuerst das Ticket ins Gate einführen und dann zusätzlich die IC-Karte benutzen. Das sorgt regelmäßig für Verwirrung – vor allem, weil nicht immer klar ist, wann genau man die IC-Karte auflegen soll: gleichzeitig mit dem Ticket? Oder direkt danach?
Einmal hatte ich das Gefühl, das Gate habe einfach mein Ticket „verschluckt“, während meine IC-Karte gar nichts mehr retten konnte.
Und dann gibt es noch den Sonderfall Wanman – eine ganz eigene Kategorie. Diese Züge verkehren vor allem in ländlichen Gegenden, etwa in den Präfekturen Kōchi und Tokushima, wo man keine IC-Karte nutzen kann.
An manchen kleinen Bahnhöfen gibt es dort keine Gates; stattdessen überprüft der Wanman-Fahrer selbst die Tickets. Beim Einsteigen zieht man aus einer kleinen Maschine ein Ticket mit einer Zahl – meist der Haltestellen- oder Zonennummer. Auf einem Bildschirm beim Fahrer kann man sehen, wie sich der zu zahlende Betrag mit zunehmender Distanz verändert. Ein ähnliches System wird übrigens auch in vielen Bussen verwendet – dort kann man aber meist mit der IC-Karte zahlen.
Eine besonders kuriose Situation erlebte ich in der Stadt Ise in der Präfektur Mie:
Beim Betreten des Gates konnte ich ganz normal meine IC-Karte benutzen. Während der Fahrt mit dem Wanman stellte sich aber heraus, dass sie dort gar nichts nützte – und ich beim Aussteigen den Fahrpreis zusätzlich bar an den Fahrer zahlen musste.
Ich fragte mich nur: Wozu dann überhaupt die Gates?
7. Fehlende Fahrradwege
Ich hatte es schon vorher teilweise angesprochen: Fußgänger und Autofahrer müssen in Japan nicht selten enge Wege mit Fahrradfahrern teilen. Fahrräder sind dort unglaublich beliebt – sowohl bei der Jugend als auch bei älteren Menschen. Und das ist grundsätzlich eine gute Sache: umweltfreundlich, praktisch und günstig.
Das Problem ist nur, dass es viel zu wenige Fahrradwege gibt. Sie existieren, aber ihre Anzahl steht in keinem Verhältnis zur Popularität dieses Verkehrsmittels. Das Ergebnis: Fahrradfahrer gehören wohl zu den unberechenbarsten Verkehrsteilnehmern – sie können sowohl Autofahrer als auch Fußgänger behindern oder verwirren.
Ich habe sogar einmal miterlebt, wie zwei Radfahrer in einer engen Straße in Higashiosaka leicht miteinander kollidierten – zum Glück ohne Verletzungen. Egal ob in Minoh, Higashiosaka oder anderswo: Auf Fahrradfahrer muss man immer achten – besonders, weil sie manchmal ziemlich schnell unterwegs sind.
8. Japanische Single-WohnungenErfahrungen mit diesem Punkt sammelte ich vor allem durch den Aufenthalt in der Wohnung meiner Freundin. Schon früher hatte ich einiges über japanische Wohnungen gehört – und konnte vieles davon schließlich selbst beobachten.
Zunächst einmal: Ich habe die Wohnung meiner Freundin in den etwa neun Monaten, in denen ich regelmäßig bei ihr war – und gegen Ende meines Japan-Jahres sogar richtig dort wohnte – sehr liebgewonnen. Ich verbinde sie mit vielen schönen Erinnerungen. Hin und wieder spürte ich jedoch auch einige Nachteile, die solche Wohnungen mit sich bringen.
Die Wohnung war ziemlich eng; schon beim Eingang musste ich aufpassen, dass ich mit meinem Rucksack nichts vom Regal neben der Tür herunterstieß. Meinen großen Koffer, den ich im September nach dem Auszug aus Minoh zu meiner Freundin brachte, konnten wir gerade noch so zwischen Bett und Wand hineinquetschen – anderer Platz war schlicht nicht vorhanden.
Die Wände waren recht dünn, sodass man manchmal hören konnte, was die Nachbarn machten. Im Winter war es kalt, im Sommer dagegen extrem heiß – und die Klimaanlage musste oft stundenlang laufen, um die Wohnung auf eine halbwegs angenehme Temperatur zu bringen.
Ich erwähne diesen Punkt, weil ich schon früher von genau solchen Nachteilen japanischer Wohnungen gehört hatte. Oft handelt es sich um kleine Apartments für Singles oder Paare, die sich momentan keine größere Wohnung leisten können.
Trotz allem mochte ich die Wohnung meiner Freundin sehr – und vermisse sie bereits.
9. Sommer
Bei diesem Punkt kann Japan natürlich nichts dafür – im Gegenteil, das Land tut wirklich alles, um der Hitze und Luftfeuchtigkeit des Sommers entgegenzuwirken. Doch es bleibt dabei: der japanische Sommer kann die Hölle sein.
EXPO-Besuche im Juli oder August wären ohne mitgebrachtes Eis, Getränke und Handventilatoren wohl kaum auszuhalten. Bei meinem letzten Aufenthalt im September war es zwar schon etwas angenehmer, aber wirklich „kühl“ war es auch da nicht.
Auch beim Reisen wird die Hitze schnell zur Belastung. Nach längeren Spaziergängen möchte man so schnell wie möglich irgendwohin flüchten, wo es angenehm klimatisiert ist. Lässt man die Klimaanlage in der Wohnung ein oder zwei Tage ausgeschaltet, verwandelt sich diese praktisch in eine Sauna. Zwar sind die meisten Züge in Japan mit Klimaanlagen ausgestattet, doch das Warten an Bahnhöfen kann trotzdem ziemlich anstrengend werden.
Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie hart es für Schülerinnen und Schüler sein muss, bei dieser Hitze draußen Sportunterricht zu haben. Hitzefrei oder etwas Vergleichbares gibt es meines Wissens nach nicht.
Unser Linguistik-Sensei slowakischer Herkunft sagte uns einmal:
„In Japan gibt es fünf Jahreszeiten – Frühling, Sommer, Herbst, Winter und die Hölle.“
Und inzwischen verstehe ich genau, was er meinte. Ich war ohnehin nie ein großer Fan des Sommers, aber in Japan lernte ich ihn von einer ganz neuen, weniger angenehmen Seite kennen. Die hohe Luftfeuchtigkeit verstärkt die Hitze enorm – 35 Grad in Japan fühlen sich deutlich heißer an als in Deutschland. 2025 begann die extreme Hitzeperiode (meist um die 35 Grad oder mehr) bereits Ende Juni und dauerte fast bis zu meiner Heimreise im September, wobei es gegen Ende immerhin ein wenig erträglicher wurde.
Kein Wunder also, dass man im Sommer in Japan oft den gut gemeinten Rat hört, man solle gut auf sich aufpassen, um keinen Hitzeschlag zu bekommen.
Was das Überleben in dieser Jahreszeit aber wirklich erleichtert, sind die Klimaanlagen, die es fast überall gibt, sowie viele andere praktische Dinge, mit denen man sich zumindest ein bisschen Abkühlung verschaffen kann.
Der letzte Punkt auf meiner Liste ist etwas anderer Natur und hat mehr mit der japanischen Mentalität zu tun. Durch Gespräche mit Japanern und eigene Beobachtungen stellte ich fest, dass das Auffallen oder Anderssein oft als etwas Negatives oder zumindest Fremdartiges wahrgenommen wird. Daher versuchen viele Japaner, sich möglichst ihrem Umfeld anzupassen und – wie sie selbst sagen – die Luft zu lesen (kūki o yomu), also sich so zu verhalten, wie es der Situation oder den Erwartungen anderer entspricht.
Das ist keineswegs immer schlecht und in gewisser Weise sogar nachvollziehbar. Schließlich liegt es in der Natur vieler Japaner, Konflikte zu vermeiden und Harmonie zu bewahren – was durchaus seine guten Seiten hat. Doch manchmal führt die Angst, aufzufallen, dazu, dass Menschen sich selbst einschränken oder Dinge nicht tun, die sie eigentlich gerne tun würden. Zwei Beispiele zeigen das ganz gut.
Japan ist bekannt dafür, dass man dort die englische Sprache zwar liebt, sie aber oft nicht auf einem Niveau beherrscht, um frei sprechen zu können. Japaner selbst machen gerne Witze über das sogenannte Japanglish, also über englische Wörter, die japanisch ausgesprochen werden (z. B. white → howaito, black → burakku, red → reddo). Besonders Englischlehrer älterer Generationen – die selbst keine Muttersprachler sind – bringen die Aussprache häufig auf diese Weise bei. Dementsprechend lernen Schüler sie so und übernehmen sie weiter. Meine Freundin erzählte mir, dass viele Schüler im Unterricht bewusst so sprechen wie alle anderen, selbst wenn sie wissen, dass es nicht ganz richtig ist – einfach, um nicht aufzufallen.
Ein anderes Beispiel ist meine eigene Erfahrung an der Universität Osaka. Als ich mitteilte, dass ich Japan nicht – wie empfohlen – bis zum 31. August verlassen, sondern erst am 23. September abreisen würde, wurde mir gesagt, dass dies „auffällig“ sei und eventuell bei einer späteren Visumsverlängerung Fragen aufwerfen könnte. Dabei war es völlig im gesetzlichen Rahmen – meine Residenzkarte war bis zum 25. September gültig. Dennoch galt ein solches Verhalten als „außerhalb der Norm“, also etwas, das man besser vermeidet.
In Japan soll man also die Luft lesen und spüren, wie man sich verhalten sollte – ein Konzept, das selbst viele Japaner ambivalent sehen.
Mit diesem Punkt möchte ich aber keineswegs das respektlose Verhalten mancher Touristen und Influencer in Japan rechtfertigen. Was viele von ihnen in den letzten Jahren taten, war nicht einfach nur auffallend, sondern schlicht respektlos gegenüber Land und Menschen. Wer als Tourist oder Austauschstudent nach Japan kommt, sollte sich an die dortigen Regeln halten und die Kultur respektieren.
Das waren also die zehn Dinge, die mich in Japan mal mehr, mal weniger genervt haben. Es gab zwar Momente, in denen mir einige dieser Punkte das Leben in Japan etwas schwer machten, doch ich lernte, mit den meisten davon umzugehen.
Insgesamt hatte Japan für mich jedoch weit mehr positive als negative Seiten – ich spiele sogar mit dem Gedanken, einen zweiten Teil über die Dinge zu schreiben, die ich an Japan liebe.
Aber wer weiß – vielleicht wäre Japan ohne diese zehn Dinge gar nicht das Japan, das wir heute kennen und lieben. Enge Straßen findet man oft dort, wo Japan am authentischsten ist, im heißen Sommer hört man das Zwitschern der Zikaden, und das Ticket-System kann durchaus praktisch sein, wenn man es einmal verstanden hat.
Verstehen ist wohl das Schlüsselwort hier – denn Japan muss verstanden werden. Hat man es aber erst einmal verstanden, öffnet sich einem eine wunderbare Welt mit reicher Kultur, großartigen Menschen und unzähligen Entdeckungen.

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