Nach zwei Reiseberichten kehre ich nun wieder zurück zum Uni-Alltag. In meinem ersten Semester an der Universität Osaka, als ich noch auf der Suche nach neuen Bekanntschaften war und gleichzeitig hoffte, mein Japanisch zu verbessern, probierte ich in den ersten etwa zweieinhalb Monaten einiges von dem aus, was die Uni zu bieten hatte.
Relativ schnell erfuhr ich, dass es auf dem Minoh-Campus der Universität Osaka, wo der Unterricht für mich und die anderen Austauschstudierenden stattfindet, regelmäßig stattfindende Sprachcafés gibt – manche wöchentlich, andere nur alle paar Wochen. Bereits bei meinem früheren Auslandssemester an der Universität Łódź in Polen besuchte ich wöchentlich zwei Sprachaustausch-Veranstaltungen, die allerdings nicht von der Uni, sondern eher von engagierten Privatpersonen organisiert wurden. Ich hoffte, in Japan etwas Ähnliches zu finden, und besuchte daher im ersten Semester regelmäßig ein Japanisch-Café. Darüber hinaus nahm ich an einer Veranstaltung in Osaka-Hommachi teil, die ich zunächst für ein ähnliches Format hielt. Über meine Erfahrungen mit diesen Angeboten möchte ich im ersten Teil dieses Beitrags berichten.
Im zweiten Teil möchte ich außerdem über meine Erfahrungen mit den Uni-Clubs an der Universität Osaka erzählen. Wer viel Anime schaut, kennt sicher das Bild: Studentenclubs sind dort ein fester Bestandteil des Campuslebens – man findet vielleicht eine Freundin oder einen Freund, trinkt regelmäßig mit den anderen Mitgliedern, und überhaupt scheint alles wie ein Abenteuer. Doch wie sieht die Realität wirklich aus? Sind diese Clubs tatsächlich so spaßig wie in Anime dargestellt, oder eher ernüchternd? Auch darüber möchte ich berichten – natürlich aus meiner subjektiven Perspektive, denn letztlich wird jeder seine eigenen Erfahrungen machen und individuelle Prioritäten setzen.
Sprachaustausch-Veranstaltungen - Meine Vorgeschichte
Ich erwähnte ja bereits meine Erfahrungen mit Sprachveranstaltungen während meines Aufenthaltes in Łódź. In den Jahren 2016/17 verbrachte ich fünf Monate in der drittgrößten polnischen Stadt im Rahmen meines vorherigen Studiums. Schon ab meinem ersten Tag war ich auf der Suche nach neuen Bekanntschaften – und wurde damals über Facebook (das damals noch ein gefragtes soziales Netzwerk war) auf die Gruppe „Language Exchange“ aufmerksam.
Durch diese Gruppe erfuhr ich, dass jeden Donnerstagabend in der Bar „6. Dzielnica“ an der berühmten Piotrkowska-Straße ein Language Exchange-Event stattfand. Und nicht nur das – später entdeckte ich auch das „International Meeting“, das mittwochs ebenfalls unweit der Piotrkowska-Straße stattfand, sowie ein englisches Tandem-Meeting in der gleichen Gegend.
Was mir an solchen Events besonders gefiel: Sie waren relativ frei gestaltet. Man konnte kommen, wann man wollte. Es gab bei den Language Exchange- und International Meetings meist mehrere Tische, oft nach Sprachen und später auch nach Freundschaftsgruppen sortiert. Wenn man regelmäßig teilnahm, sah man bei jedem weiteren Besuch zunehmend bekannte Gesichter, konnte sich zu ihnen setzen und bei einem Bier oder einem anderen Getränk unterhalten. Die Atmosphäre war locker und entspannt, und ich traf damals Menschen aus vielen verschiedenen Ländern – darunter auch aus Japan – mit denen ich viele interessante Gespräche führen konnte.
Solche Veranstaltungen dauerten in der Regel von ca. 19 Uhr bis 23 oder sogar 0 Uhr; man konnte kommen und gehen, wann man wollte, und frei mit anderen ins Gespräch kommen. Die Stimmung war offen, und es fiel vergleichsweise leicht, neue Bekanntschaften zu schließen. Übrigens: Bei einem dieser Treffen lernte ich einen guten polnischen Freund kennen, mit dem ich 2019 sogar zusammen nach Japan reiste.
Wie aber waren die Sprachcafés und ähnlichen Veranstaltungen in Minoh und Osaka?
Die Sprach-Cafés im Minoh-Campus
Das Japanisch-Sprachcafé am Minoh-Campus, das jeden Mittwoch stattfand und das ich zwischen Oktober und Dezember des letzten Jahres mehr oder weniger regelmäßig besuchte, funktionierte etwas anders, als ich es zuvor aus meiner Zeit in Polen gewohnt war.
Zunächst einmal waren diese Cafés ausschließlich für Studierende der Osaka-Universität (einschließlich der Auslandsstudierenden) gedacht – was durchaus nachvollziehbar ist, da sie von der Universität organisiert werden und externe Personen normalerweise ausgeschlossen sind. Das fand ich völlig in Ordnung.
Was ich allerdings weniger optimal fand, war der Zeitpunkt: Die Cafés fanden während der Mittagspause zwischen der zweiten und dritten Doppelstunde statt – also etwa von 12:30 bis 13:20 Uhr. Zwar hatte ich mittwochs erst ab 15:10 Unterricht und konnte daher meist ohne Stress teilnehmen, aber die Stimmung war natürlich eine ganz andere als bei abendlichen Sprachaustauschveranstaltungen in einer Bar. Ich hatte stets im Hinterkopf, dass ich mich bald wieder dem Unterricht widmen muss, und konnte mich daher nur begrenzt entspannen.
Jede Woche übernahm ein anderer Student oder eine andere Studentin (meist aus der Sprachfakultät) die Moderation. Die Gespräche mit ihnen oder mit anderen japanischen Muttersprachlern waren zweifellos das Beste an den Cafés. Wenn nicht zu viele Leute anwesend waren, machten diese Treffen durchaus Spaß. Die Anzahl der Tische war jedoch begrenzt – ebenso die Anzahl der japanischen Teilnehmenden. Der Großteil bestand, wie ich selbst, aus internationalen Studierenden.
Ich stellte schnell fest: Sobald an einem Tisch mehr als fünf Personen saßen, wurde es schwierig, überhaupt zu Wort zu kommen. Und genau das war letztlich auch der Grund, warum ich ab Dezember keine große Lust mehr auf das Sprachcafé hatte.
Trotzdem konnte ich in diesen zwei Monaten einige nette, wenn auch eher flüchtige Bekanntschaften machen – darunter zwei Ungarisch-Studentinnen aus Kanazawa, die mir den Besuch ihrer Heimatstadt begeistert empfahlen, was ich später auch tatsächlich tat. Einige Kommilitoninnen und Kommilitonen aus den Sprachcafés grüße ich bis heute regelmäßig im Wohnheim oder auf dem Campus.
Unterm Strich: Die Sprachcafés konnten durchaus Spaß machen – vorausgesetzt, man hatte etwas Glück mit der Moderation und es waren nicht zu viele Teilnehmende da.
Warum ich mittlerweile nicht mehr hingehe? Zum einen habe ich durch meine Freundin und andere japanischsprachige Kontakte genug Möglichkeiten, regelmäßig Japanisch zu üben. Zum anderen wurde mein Alltag zunehmend voller, und ich nutze die Mittagspause inzwischen lieber, um mich etwas zwischen den Kursen auszuruhen.
Neben dem Japanisch-Café werden übrigens auch Sprachcafés für andere Sprachen wie Deutsch, Englisch oder Russisch angeboten – allerdings ebenfalls alle in der gleichen Zeitspanne, also von 12:30 bis 13:20 Uhr.
Eine Language Exchange-Veranstaltung in Hommachi
Im November lud ich mir auf Empfehlung eines japanischen Freundes die App Meetup herunter, und wir wurden dort auf eine Englisch-Sprachaustausch-Veranstaltung in Osaka-Hommachi aufmerksam. Sie sollte an einem Sonntagnachmittag stattfinden – eine im Grunde ganz passende Zeit. Also verabredeten wir uns, die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen.
Und ja... wer meinen Beitrag Osaka und ich gelesen hat, erinnert sich vielleicht daran, dass Hommachi der Bahnhof war, in dem ich mich hoffnungslos verirrte – und mich am Ende sogar ziemlich weit vom eigentlichen Ziel entfernte. Das GPS-Signal war schwach, und es dauerte ewig, bis sich mein Handy wieder orientieren konnte. Leider erst, als ich mich bereits mehr als einen Kilometer vom Ziel entfernt hatte. Der Grund: Das Bahnhofsgebäude ist direkt mit dem über 1000 Meter langen, labyrinthartigen Semba Center Building verbunden, in dem das GPS-Signal praktisch nicht existiert. Seitdem meide ich den Bahnhof Hommachi – zumindest dann, wenn ich allein unterwegs bin.
Die Veranstaltung fand in einem Steak- & Hamburger-Restaurant namens Lion Gang statt, das einige hundert Meter vom Bahnhof entfernt war. Zum Glück verspätete ich mich nicht allzu sehr, als ich den Ort schließlich fand.
Ich wurde sofort einem Tisch zugewiesen; mein japanischer Kumpel, der auf mich bereits in der Bar wartete, saß an einem anderen. Der Moderator – ein Amerikaner mit sehr guten Japanischkenntnissen – erklärte den Ablauf. Alle Anwesenden bekamen eine Kennzeichnung mit einer Zahl und einem Buchstaben (z. B. 1A, 2B, 3C, 4D usw.). Die Zahl stand für den aktuellen Tisch, der Buchstabe wurde später wichtig.
Bevor der eigentliche Austausch begann, rief der Moderator mehrere Personen nach vorn. Jeder bekam eine Rolle zugewiesen – fast alle dieselbe, doch eine Person sollte herausstechen. Das Publikum musste erraten, wer es war. Ich war zunächst etwas unsicher, ob ich das Spiel richtig verstanden hatte, aber offenbar machte ich alles richtig, als ich selbst vorne stand.
Nach dem Spiel kamen die Buchstaben zum Einsatz: Man sollte sich nun zu anderen Teilnehmenden mit dem gleichen Buchstaben setzen und sich zuerst auf Englisch, dann auf Japanisch unterhalten.
Ich sprach u. a. mit einem Mann aus Indonesien, der erzählte, wie schwer es sei, in Japan Freundschaften zu schließen. Danach unterhielt ich mich mit einer jungen Frau aus Osaka, die sehr aktiv war und Outdoor-Aktivitäten mochte. Dann folgte ein Gespräch mit einem Amerikaner koreanischer Herkunft, der sich fast stolz dazu bekannte, bei den letzten Wahlen für Trump gestimmt zu haben. Und schließlich traf ich noch einen Japaner, dessen Aussehen mich stark an Ji Sung erinnerte – den koreanischen Lieblingsschauspieler meiner Mutter. Er war zwar deutlich älter als ich, aber wir kamen recht leicht ins Gespräch.
Und mein Fazit? Die Veranstaltung hatte durchaus ihre guten Seiten. Es wurde viel dafür getan, das Eis zu brechen, und man konnte mit vielen verschiedenen Leuten sprechen. Die Atmosphäre erinnerte mich ein Stück weit an die Veranstaltungen in Polen.
Allerdings war die Struktur sehr starr. Es gab kaum Flexibilität oder Bewegungsfreiheit. Man konnte nicht selbst entscheiden, mit wem und wie lange man sprechen wollte – stattdessen wechselte man wie beim Speed-Dating alle 15 Minuten den Tisch. Jeweils etwa die Hälfte der Zeit wurde auf Englisch, die andere auf Japanisch gesprochen.
Letztlich sollte es bei diesem einmaligen Besuch bleiben.
Die Studentenclubs der Osaka Uni
Etwa Mitte Oktober 2024 fiel mir an der Informationstafel im Studentenwohnheim ein Aushang auf, auf dem eine Liste der Studentenclubs zu sehen war. Zusätzlich erfuhr ich, dass man sich an zwei Tagen in der Memorial Hall auf dem Minoh-Campus über die Clubs und deren Mitglieder informieren konnte. Ich dachte mir, dass dies eine gute Gelegenheit wäre, das Studentenleben in Minoh etwas spannender zu gestalten und vielleicht neue Kontakte zu knüpfen.
An einem der beiden Tage machte ich mich also auf den Weg zur Memorial Hall und beschloss, mich dort etwas umzusehen. Jeder Club hatte seinen eigenen Tisch, an dem man mit den Leitern und Mitgliedern ins Gespräch kommen konnte. Besonders interessierten mich der Sprachclub und der Fotoclub.
Zuerst stieß ich auf den Tisch des Fotoclubs. Die anwesenden Mitglieder waren zwei junge, fast jugendlich wirkende Studenten. Auf dem Tisch lagen eine Canon-Kamera sowie verschiedene ausgedruckte Fotografien. Auf einem der Bilder war ein Fuchs in einer verschneiten Landschaft zu sehen. Als ich nachfragte, wo dieses wunderschöne Foto aufgenommen worden sei, antwortete der Clubleiter: auf Hokkaidō. Auch die anderen Bilder waren beeindruckend – darunter eine Katze, die in einer Stadt unterwegs war, sowie Landschaftsaufnahmen und Meeresmotive.
Die beiden erklärten mir, dass der Club als Aktivitäten gemeinsame Ausflüge unternehme, bei denen alle Mitglieder an Ort und Stelle fotografieren würden. Reisen und Fotografieren – zwei Dinge, die mir ebenfalls große Freude bereiten. Und wer weiß, vielleicht würde ich durch den Club neue, bisher unbekannte Orte in Japan entdecken, dachte ich mir voller Vorfreude. Ohne lange zu überlegen, folgte ich dem Club auf Instagram. Der Leiter meinte, er werde demnächst einen Post mit Informationen zur ersten gemeinsamen Aktivität veröffentlichen.
Der Sprachclub
Bis der Post veröffentlicht wurde, verging etwas Zeit, und in der Zwischenzeit habe ich mehrfach den anderen Club besucht, der mein Interesse geweckt hatte: den Sprachclub. Ich muss sagen, dass ich ziemlich beeindruckt davon war, wie viele Linguistik- und Sprachenthusiasten sich dort versammelten. Im Gegensatz zum Fotoclub, bei dem ich zunächst auf eine erste Aktivität warten musste, fanden die Treffen des Sprachclubs regelmäßig – teilweise sogar täglich – statt. An vielen Tagen konzentrierte man sich jeweils auf eine konkrete Sprache: Montags war es in der Regel Chinesisch, dienstags Koreanisch, mittwochs wechselte die Sprache jede Woche, und an Donnerstagen und Freitagen standen teils andere sprachbezogene Aktivitäten auf dem Programm.
Da ich bereits zuvor etwas Koreanisch gelernt hatte, besuchte ich den Club daher häufiger am Dienstag. Es machte Spaß – besonders, wenn meine Koreanischkenntnisse ausreichten, um mitreden zu können, oder wenn wir grammatische Strukturen verschiedener Sprachen miteinander verglichen, etwa Japanisch, Koreanisch und die Muttersprachen der Anwesenden. Dennoch merkte ich schnell, dass es für mich eine Herausforderung war, dem Gesprächsverlauf vollständig zu folgen. Es wurde viel in umgangssprachlichem Japanisch gesprochen. Und wenn es um sprachwissenschaftliche Themen ging, fehlte mir oft das nötige Vokabular. Zwar kannte ich Begriffe wie 名詞 (Substantiv), 動詞 (Verb), 形容詞 (Adjektiv) oder 格 (grammatischer Fall), aber viele andere sprachliche Ausdrücke konnte ich nicht auf Japanisch wiedergeben.
Die Mitglieder im Club waren sehr nett und eindeutig wahre Sprachliebhaber. Ich bin mir sicher: Wenn mein Japanischniveau etwas höher wäre, hätte ich den Club voll und ganz genießen können. Einige Mitglieder sprachen sogar Deutsch oder Russisch und unterhielten sich gern mit mir in diesen Sprachen. Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis Anfang November nach dem Unifestival: Eine Studentin, die regelmäßig am Dienstag Koreanisch unterrichtete, kam dabei zum ersten Mal mit der russischen Sprache in Berührung – und war sofort begeistert. Sie bat mich sogar, ihr Russisch beizubringen. (Ich bin schließlich nicht nur deutscher, sondern auch russischer Muttersprachler.)
Im Dezember, kurz vor Weihnachten, wurde im Sprachclub sogar die russische Nationalhymne analysiert und gesungen – worauf ich angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage jedoch bewusst verzichtete.
Meine letzte „Aktivität“ im Club – wenn man sie so nennen will – war im März dieses Jahres. Der Club war zuvor von den Organisatoren der EXPO 2025 gebeten worden, bei einem Projekt zum Pavillon für Elektroenergie zu helfen. Konkret ging es um die Übersetzung einer Anleitung für sogenannte „Eier der Möglichkeiten“. Der Club fragte mich, ob ich diese Anleitung ins Russische übersetzen könnte – was ich auch tat. Danach hörte ich nichts mehr vom Club und habe ihn seither auch nicht mehr besucht.
Die erste und einzige Fotoclub-Aktivität: Kurama und Kibune in Kyoto
Etwa zwei Wochen, nachdem ich mich beim Clubvorstellungstag mit den Vertretern des Fotoclubs unterhalten hatte, entdeckte ich schließlich eine Instagram-Story des Clubs. In der Beschreibung stand, man solle bei Interesse eine Nachricht schicken – was ich ohne langes Zögern tat. Kurz darauf wurde ich eingeladen, der Club-Gruppe auf LINE beizutreten, was ich ebenfalls tat.
Der Termin für die erste Club-Aktivität wurde auf Sonntag, den 17. November, festgelegt. Es sollte nach Kyoto gehen, mit dem Ziel, das schöne Herbstlaub zu fotografieren. Ich hatte schon vor Jahren gehört, dass Kyoto für seine spektakulären Herbstfarben berühmt ist, also wollte ich mir diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen.
Der November – oder zumindest seine erste Hälfte – war in Osaka und der Kansai-Region noch relativ warm. Daher gab es Bedenken, ob man in Kyoto bereits viel vom Herbstlaub sehen würde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits in Takayama, einer höher gelegenen und daher kühleren Stadt, die ersten herbstlich verfärbten Blätter gesehen und war gespannt, ob ich auch in Kyoto in den Genuss der berühmten Farben kommen würde.
Als Treffpunkt für den Ausflug wurde der Bahnhof Demachiyanagi in Kyoto festgelegt – allerdings ohne genauere Ortsangabe. Ich kannte den Bahnhof nicht und hatte bereits meine Erfahrungen mit den riesigen Bahnhöfen wie Hommachi und Namba in Osaka gemacht. Da auch Kyoto eine große Stadt ist, befürchtete ich, mich zu verlaufen und im schlimmsten Fall wieder nach Osaka zurückkehren zu müssen. Auch der Bahnhof Yodoyabashi in Osaka, von dem ich meine Fahrt startete, war ziemlich groß.
Zum Glück verlief ich mich weder dort noch in Demachiyanagi. Der Bahnhof in Kyoto erwies sich sogar als relativ übersichtlich – zumindest im Vergleich zu den Bahnhöfen Osakas. Außerdem erkannte ich zufällig zwei Kommilitoninnen, die ebenfalls aus dem Zug stiegen. Ich folgte ihnen und fand so ohne Probleme den Treffpunkt.
Dort warteten bereits die beiden Leiter des Clubs, mit denen ich im Oktober kurz gesprochen hatte. Ich kam zu einem guten Zeitpunkt an – es war noch etwas Zeit und noch nicht alle waren da. Wohin es wohl gehen würde, fragte ich mich. Kinkaku-ji? Arashiyama? Beide Orte hatte ich bereits bei meinem ersten Japan-Besuch gesehen und wusste, dass sie sehr fotogen sind. Oder vielleicht sogar zum berühmten Kiyomizu-dera, den ich übrigens (SPOILER!) bis heute noch nicht besucht habe. Doch es stellte sich heraus, dass keines dieser bekannten Ziele auf dem Plan stand.
Sobald sich alle versammelt hatten, wechselten wir zu einer anderen Plattform und stiegen in einen Zug der Eizan Dentetsu, einer privaten Eisenbahngesellschaft, die Züge in Richtung Kurama betreibt. Genau dorthin sollte es auch gehen.
Auf dem Weg dorthin wurden die Landschaften um uns herum zunehmend waldreicher, und schließlich zeigte sich sogar etwas vom erhofften Herbstlaub. Am Bahnhof Kurama angekommen, setzten wir unseren Weg zu Fuß fort. Direkt neben dem Bahnhof stand ein großer roter Oni-Kopf mit einer langen Riesennase. Darunter war der Schriftzug „Eizan Electric Railway“ zu lesen. Vermutlich war dieser Oni so etwas wie das Maskottchen dieses kleinen Eisenbahnunternehmens. Ich fotografierte ihn, beließ es jedoch dabei – während die anderen sich selbst neben dem Oni-Kopf in Szene setzten.
Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Kuramadera-Tempel. Nach dem Bezahlen des Eintritts begann ein längerer Aufstieg über viele Stufen. An den Seiten standen rote Laternen, die später auch entlang der Pfade durch den Tempelbereich zu sehen waren. Der Weg führte immer weiter nach oben – vorbei an steilen Pfaden, kleinen Schreinen und Aussichtspunkten mit fantastischem Blick auf die frühherbstliche Landschaft rund um den Berg Kurama.
Unsere Gruppe war bunt gemischt: Japanische Studierende, darunter auch eine Studentin, ein eher schweigsamer „Sensei“, sowie internationale Studierende aus Polen, Russland, Rumänien – und Korea. Mit dem koreanischen Studenten kam ich ins Gespräch. Er erzählte, dass er ursprünglich von Jeju stamme, derzeit in Busan lebe, aber den Großteil seines Lebens in England verbracht habe – entsprechend natürlich klang auch sein Englisch.
Tiefer im Wald entdeckten wir einen besonderen Ort, an dem sich viele freiliegende Baumwurzeln über den Boden zogen. Dieser Ort bot tolle Fotomotive, war aber auch tückisch – man musste gut aufpassen, nicht über die dicken Wurzeln zu stolpern.
Schließlich begann der Abstieg, und bald kamen wir in Kibune an – ein malerischer Ort mit Gebäuden im traditionellen japanischen Stil, roten Torii und jenen roten Laternen, die wir schon beim Kuramadera gesehen hatten. Da es nun dämmerte, begannen die Laternen zu leuchten und sorgten für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Kibune bestand größtenteils aus kleinen Läden und Restaurants, in denen man Washoku und Wagashi genießen konnte. Der Clubleiter spendierte uns heiße Mochi – ein willkommenes, wärmendes Dessert, während der Regen einsetzte und es dunkler wurde. Da der Regen stärker wurde, warteten wir zunächst unter einem Vordach, bevor wir uns auf den Rückweg machten.
Als wir den Bahnhof schließlich erreichten, setzten wir uns in den Zug zurück nach Demachiyanagi. Die Fahrt wurde zu einem ganz besonderen Moment: Der Zug fuhr durch eine von Scheinwerfern beleuchtete Allee mit prachtvollem Herbstlaub – die Innenbeleuchtung wurde ausgeschaltet, damit man die Farbenpracht draußen noch besser wahrnehmen konnte. Es war ein beinahe magischer Anblick, den alle Fahrgäste fotografierten.
Während der Rückfahrt fragte ich den Clubleiter, wann denn die nächste Aktivität stattfinden würde. Eine klare Antwort bekam ich nicht. Er meinte, wahrscheinlich nicht mehr in diesem Jahr – er habe vor, in den Ferien nach Europa zu reisen, um unter anderem die Polarlichter in Norwegen zu sehen. Er bot mir außerdem an, eine Kamera von ihm zu kaufen, doch ich lehnte höflich ab. Nicht, weil ich keine Kamera wollte – vielmehr wartete ich noch auf mein Stipendium und hatte Bedenken, wie ich solch ein empfindliches Gerät später nach Deutschland transportieren sollte.
So endete diese Aktivität – und es folgte keine weitere. Ob ich teilgenommen hätte, wenn es noch eine gegeben hätte? Ich denke schon. Es hätte aber davon abgehangen, wohin es gegangen wäre – und ob ich meine Freundin, die ich im Dezember traf, hätte mitnehmen können.
Fazit: Die Studentenclubs in Japan können wirklich Spaß machen, und man trifft dort mit großer Wahrscheinlichkeit Leute, die mit echtem Enthusiasmus bei der Sache sind – egal ob es um Sprachen oder um Fotografie geht. Ich bin mir sicher, dass es bei den anderen Clubs ähnlich ist. Ob man zusammen trinken geht und Partys feiert, hängt, denke ich, stark vom jeweiligen Club ab – in der Realität geht es wohl doch etwas ruhiger zu, als man es aus Anime kennt.
Auch die Regelmäßigkeit der Aktivitäten variiert offenbar je nach Club – und vielleicht auch je nach Engagement der jeweiligen Leiter. Während beim Sprachclub Treffen fast täglich stattfanden, ließ die erste Aktivität beim Fotoclub eine Weile auf sich warten und sollte auch zugleich die letzte werden.
Ein Kommilitone von mir aus Portugal, der dem Jazz-Club beigetreten war, hat es dort sogar tatsächlich geschafft, eine Freundin zu finden. Es ist also durchaus realistisch – wenn man es sich als Priorität setzt, ein bisschen Glück hat und in der richtigen Gruppe landet.
Was mir außerdem auffiel: Die Clubs sind beim Anwerben neuer Mitglieder deutlich zurückhaltender als vielleicht erwartet – auch hier weichen Realität und Anime voneinander ab. Wenn man Mitglieder anspricht, erzählen sie meist freundlich und mit Begeisterung von ihrem Club und versuchen durchaus, Interesse zu wecken – aber eben auf eine sehr zurückhaltende und entspannte Art.
Die beiden Clubs, an denen ich teilnahm, waren auf jeden Fall eine interessante Erfahrung. Im zweiten Semester an der Universität Osaka war ich dann allerdings mit anderen Dingen beschäftigt und setzte neue Prioritäten. Trotzdem bin ich froh, es ausprobiert zu haben und zumindest ein kleiner Teil solcher Clubs in Japan gewesen zu sein – auch wenn nur für eine kurze Zeit.

















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