Eine Woche ist es nun her, dass ich mich nach einem emotionalen Abschied von meiner Freundin am Kansai-Flughafen in Osaka ins Flugzeug gesetzt habe und die Heimreise nach Deutschland antrat. Eine Woche ist es her, dass mein Jahr in Japan schließlich zu Ende ging.
Eigentlich wollte ich nach der Rückkehr direkt mit den Posts über meine Tohoku-Reise weitermachen. Doch in dieser ersten Woche zurück in Deutschland habe ich einige Beobachtungen über meine Gefühle und mein Verhalten gemacht, die es wert sind, festgehalten zu werden – vielleicht auch, um später nachvollziehen zu können, wie meine Umgewöhnungsphase damals verlief. Deshalb habe ich mich entschieden, diesen Post vorzuziehen.
Wie fühlt es sich also an, nach einem Jahr in Japan wieder in Deutschland zu sein? Darum geht es in diesem Beitrag.
Der Weg nach Hause - vom Flughafen München nach Sachsen
Am frühen Morgen des 24. September kam ich in München an. Hinter mir lagen rund 18 Stunden Flug mit zwei Etihad-Maschinen von Osaka über Abu Dhabi bis in die bayerische Hauptstadt. Interessanterweise fiel genau dieser Tag auf ein Datum, das ich in Japan bislang nie erlebt hatte: Letztes Jahr kam ich dort am 25. September an, und am 23. September 2025 setzte ich mich ins Flugzeug zurück nach Deutschland.
Nachdem ich meinen 24 Kilo schweren Koffer vom Band geholt hatte, verließ ich die Terminals. Deutschland empfing mich mit einem bewölkten, leicht kühlen Morgen. Es war kurz nach sieben Uhr, und ich überlegte, wie ich am besten zu meinem Elternhaus in Sachsen gelangen sollte. Ein Deutschlandticket hatte ich noch nicht, also erinnerte ich mich an das „Quer-durchs-Land-Ticket“, das ich früher oft genutzt hatte, um von Bayern nach Sachsen zu fahren. Dieses kaufte ich mir auch diesmal – musste jedoch bis neun Uhr warten, bevor es gültig war.
Schon nach wenigen Minuten fiel mir auf (worauf ich mich eigentlich vorbereitet hatte), dass ich meine ICOCA oder eine andere IC-Karte nicht mehr brauchte, um das Gleis zu betreten. Auch die Züge wirkten ein wenig anders. Zunächst fuhr ich bis Landshut, wo ich umsteigen wollte. Dort bemerkte ich die Getränke- und Snackautomaten an den Gleisen. Sie waren größer, als ich es aus Japan gewohnt war, und hatten eine stählerne Optik. Solche Automaten entdeckte ich auch an weiteren Bahnhöfen – aber eben nur dort. Draußen, auf den Straßen, suchte man sie vergeblich. Ganz anders als in Japan: Auf dem kurzen Weg vom Bahnhof Mito in Higashiosaka bis zum Haus meiner Freundin begegneten mir allein drei oder vier Getränkeautomaten. In den letzten heißen Wochen vor der Abreise hatte ich mir dort regelmäßig ein „Match!“-Getränk gezogen.
In Landshut musste ich schließlich eine halbe Stunde auf meinen Anschlusszug warten. Diese dreißig Minuten überraschten mich: Es war ungewohnt kühl, fast schon unangenehm. Noch eine Woche zuvor hatte ich in Toba und Ise bei 35 Grad in der Sonne gestanden, schweißgebadet und ständig bedacht, keinen Hitzeschlag zu riskieren. Nun fröstelte ich in Landshut – selbst mit Jacke.
Der Zug kam schließlich, und von nun an ging es in Richtung Hof – eine Fahrt von knapp drei Stunden. Als ein paar Sitzplätze frei wurden, setzte ich mich hin. Eigentlich kann ich in Zügen kaum schlafen, doch nach einem fast 18-stündigen Flug und fast 30 Stunden ohne richtige Ruhe holte mich die Erschöpfung schnell ein. Ich schlief ein – und wachte erst wieder kurz vor dem Ziel auf.
Gerade rechtzeitig, um die Durchsage zu hören: Der Zug müsse wegen technischer Probleme langsamer fahren und würde rund 15 Minuten später ankommen. „Willkommen zurück in Deutschland – und bei der Deutschen Bahn“, dachte ich schmunzelnd und gleichzeitig leicht genervt. Denn durch diese kleine Verspätung verpasste ich meinen Anschlusszug und musste weitere 40 Minuten warten.
Unweigerlich kam mir der Vergleich: In Japan wären die Züge pünktlich auf die Minute gewesen, und ich wäre wie geplant angekommen. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass der nächste Anschlusszug – und zugleich mein letzter Zug auf dieser Reise – absolut reibungslos verlief. Ohne Verspätungen, ohne Probleme, und er brachte mich schließlich zuverlässig an mein Ziel.
Japan in meinen Sprach- und Verhaltensgewohnheiten
Ein Jahr in Japan verging nicht ohne Spuren, wie ich ziemlich schnell feststellte. Bereits beim Fahren mit den Zügen äußerte sich dies, als ich wie gewohnt, dem Kontrolleur meinen Fahrschein mit beiden Händen zeigte; in Japan, wenn man jemandem höflich etwas gibt, hält man es mit zwei Händen. Das brachte uns noch die Sensei im Japanisch-Kurs an der FAU und ich hatte diese Gewohnheit verinnerlicht und während meines Japan-Jahres nahezu täglich ohne nachzudenken praktiziert. Außerdem vor dem Einsteigen in den Zug habe ich geprüft, wie voll der Zug ist und ob ich meinen Rucksack vorne tragen sollte. Osaka Metro und die Züge der JR Osaka Higashi Line lehrten mir diese Regel und während meines Japan-Alltages gab ich mir Mühe, mich an diese Regel zu halten. Nun, es ist zwar keine feste Regel, aber eine Regel, die in Japan als "Manaa" (マナー) also gute Manier betrachtet wird. Zuletzt, als ich im APA Hotel in Tokushima war, wurde u.a. auch diese Regel auf der englischsprachigen Variante des Hotel-Kanals gezeigt.
In den ersten Tagen nach meiner Rückkehr stellte ich fest, wie sehr Japan in meine Sprache und mein Verhalten übergegangen ist. Im Gespräch mit meinem Bruder rutschten mir immer wieder japanische Wörter heraus: „そうっか“ (soukka, „Ach so“), „そうそう“ (sousou, „Ja, genau so“), „やばい“ (yabai, ein Ausdruck für viele positive wie auch negative Situationen), „いいね“ (iine, „schön“, „super“) oder „めっちゃ“ (meccha, „sehr“, besonders häufig im Kansai-Dialekt). Diese kleinen Alltagswörter sind für mich längst mehr als nur Sprache – sie sind mit meinen Gefühlen verknüpft. Es fühlt sich fast so an, als seien meine Emotionen selbst an diese Ausdrücke gebunden.
Auch in meinen Gesten merke ich die Veränderungen: Als ich bei einem Makler zur Wohnungsbesichtigung war, verbeugte ich mich beim Abschied ganz leicht, als ich mich bedankte. Zu meiner Überraschung erwiderte er die Geste.
Oder an einer Bushaltestelle – ich erinnerte mich plötzlich daran, dass die Rauchregeln in Deutschland viel lockerer sind als in Japan. Als überzeugter Nichtraucher muss ich hier wieder genauer hinschauen, ob die Person neben mir nicht schon eine Zigarette angezündet hat.
Emotionale Auswirkungen
Die ersten Tage nach der Rückkehr waren von kleinen Flashbacks geprägt. Bilder von alltäglichen Situationen aus meinem Leben in Japan tauchten auf: die Wohnung meiner Freundin, der Weg vom Bahnhof Mito zu ihr nach Hause, unsere abendlichen Lawson-Gänge, wo wir uns oft Karage-kun kauften – zuletzt am liebsten mit Käsegeschmack, aber auch Zitrone oder Ponzu waren Favoriten. Es sind kleine, alltägliche Dinge, die mir nun fehlen und die einen Kloß im Hals hinterlassen, weil ich weiß, dass sie für eine Weile nicht mehr Teil meines Alltags sein werden.
Auch Musik weckt Erinnerungen. Immer wenn ich Macaroni Empitsu höre – die Band, die ich durch meine Freundin kennengelernt habe und mit der ich im September noch ein Konzert erlebte –, werde ich bei Liedern wie „然らば“ (Saraba), „春の嵐“ (Haru no Arashi) oder „ありあまる日々“ (Ariamaru Hibi) schnell emotional. Diese Songs sind für mich untrennbar mit ihr und unserem gemeinsamen Alltag in Japan verbunden. Manchmal kämpfe ich dann mit Tränen, weil ich spüre, wie sehr mir beides fehlt.
Während meines Jahres in Japan hatte ich kaum Heimweh. Und jetzt, zurück in Deutschland, wird mir klar: Dieses Gefühl war berechtigt. Natürlich freue ich mich, meine Familie wiederzusehen und bald auch meine Freunde zu treffen. Ich freue mich auf die Weihnachtsmärkte, auf Glühwein und Lichter. Doch meinen Alltag in Japan – und besonders die gemeinsamen Wochenenden mit meiner Freundin – werde ich vermissen. Aus Restaurantbesuchen und Ausflügen wurden nun mehrere Stunden Video-Calls über LINE an den Wochenenden. Auch daran muss ich mich erst gewöhnen.
Doch ich weiß, was ich will. Ich habe meine Ziele klar formuliert und werde von nun an aktiv auf sie hinarbeiten. Eine neue Phase hat begonnen – eine Phase des Vermissens, aber auch der Sehnsucht, die ich bewusst in Inspiration und Energie verwandeln möchte. Von jetzt an heißt es: mein Bestes geben. Genau das will ich tun.

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