Ich habe bereits über Osaka relativ ausführlich geschrieben. Dabei habe ich jedoch bisher ganz bewusst einen Aspekt dieser Metropole ausgelassen: nämlich die Stadt Minoh, in der ich nun schon 9 Monate wohne (naja, wenn ich gerade mal nicht an den Wochenenden in Higashiosaka oder irgendwo außerhalb Osakas unterwegs bin). Offiziell ist Minoh eine eigene Stadt, inoffiziell könnte man sagen, sie bildet den nördlichen Rand Osakas. (Überhaupt ist das System mit den verschiedenen „Städten“ in Japan etwas verwirrend.)
Zum Beispiel ist die eigentliche Stadt Osaka an sich gar nicht so groß, wie man vielleicht denkt. Es gibt zahlreiche weitere Städte, die nahtlos in Osaka übergehen — Sakai, Higashiosaka, Yao, Minoh, Suita, Ikeda, Izumi, Kadoma und viele mehr. Daher ist manchmal gar nicht klar, wann man eigentlich von der „Stadt“ Osaka spricht und wann von „Osaka“ als ganzes. Letztendlich bilden all diese Städte der Präfektur zusammen eine riesige Metropole, die umgangssprachlich meistens sowieso als „Osaka“ bezeichnet wird.
Jedenfalls schlage ich nun vor, einen kleinen Ausflug an den nördlichen Rand dieser Präfektur zu machen — denn dort liegt Minoh. Die Universität Osaka (die übrigens erst vor Kurzem ihren offiziellen englischen Namen von „Osaka University“ in „University of Osaka“ geändert hat) hat dort einen von drei Standorten. Der erste Campus liegt in Suita, der zweite in Toyonaka und der dritte in Minoh. Alle dieser Standorte werden als „Campus“ bezeichnet, daher ist für mich der Minoh Campus relevant.
Bei etwas Recherche habe ich übrigens herausgefunden, dass dieser Campus ursprünglich „Osaka Gaidai“, also die Fremdsprachenuniversität Osaka, gewesen ist. Er ist außerdem der kleinste der drei Standorte. Das jetzige Gebäude wurde erst 2021 fertiggestellt — daher habe ich das Glück, als Teil einer der ersten Generationen von Ryūgakusei (Austauschstudierenden) dort studieren zu dürfen.
Über Minoh habe ich allerdings, ehrlich gesagt, gemischte Gefühle. Es gibt einige Dinge, die ich an dieser Stadt mag. Und ebenso einige, die dafür sorgen, dass ich meine Freizeit lieber woanders verbringe — oder warum ich manchmal sogar etwas genervt von Minoh gewesen war. Allerdings bin ich mir fast sicher, dass ich auch Minoh nach meiner Rückkehr nach Deutschland schnell vermissen werde.
An der neuen Uni sich selbst finden
Ich kam im September 2024 mit vielen Unsicherheiten in Minoh an und war zunächst fast täglich nervös, wenn ich zum ersten Mal den Campus betrat. Wie sind die Sensei, dachte ich, wird das Studium hier schwer sein? Schließlich gilt die Uni Osaka als eine der renommiertesten Universitäten in Japan — das wurde mir oft von meinen japanischen Freunden gesagt, als ich ihnen erzählte, dass ich dort studieren würde.
Mein Japanisch-Niveau war zwar vielleicht relativ hoch in meiner deutschen Universität, aber in Osaka wurden die Karten komplett neu gemischt, und auf einmal umgaben mich zahlreiche Kommilitonen, die deutlich besser waren als ich. Ich war überrascht — und etwas eingeschüchtert — als ich in den ersten Tagen in Minoh mit einer Austauschstudentin ins Gespräch kam (sie war eigentlich Japanerin, jedoch in den USA aufgewachsen) und fast kein Wort von dem verstand, was sie sagte. Dazu kamen ein französischer und ein vietnamesischer Student, und ich hatte das Gefühl, ich würde mit Muttersprachlern sprechen; sie sprachen schnell, klangen natürlich und … ich verstand sie kaum, höchstens einige wenige Ausdrücke. So kamen bei mir zum ersten Mal Gefühle von Frustration und Selbstzweifeln auf.
Allerdings fühlte ich mich nach einem Gespräch mit einer japanischen Muttersprachlerin am gleichen Tag etwas besser. Und da machte ich eine interessante Beobachtung (ich weiß gar nicht, ob es anderen genauso geht): Mir fiel es tatsächlich leichter, japanische Muttersprachlerinnen und Muttersprachler zu verstehen, als einige der internationalen Studierenden.
Das Trio, das ich vorher erwähnte, wurde sofort zu Freunden, hing schon am selben Tag zusammen ab und ging zum Karaoke. Ich lehnte ihre Einladung jedoch höflich ab. Ich wollte weitere Enttäuschungen vermeiden; außerdem war ich wegen des Jetlags etwas schläfrig und wollte lieber etwas Ruhe in meinem Bett. Ich habe eigentlich gelernt, extrovertiert zu sein — zwei MBTI-Tests bescheinigten mir den Typ ESFP (Entertainer) —, doch in dieser Zeit kam mein introvertiertes Ich zum Vorschein.
Der Uni Osaka bin ich jedoch dankbar dafür, dass sie alles so organisierte, dass man bei den wichtigsten Verwaltungsformen und der Studienvorbereitung fast gar nichts falsch machen konnte. Auch die Sensei waren größtenteils nett und freundlich, so dass der Unterricht meistens Spaß machte. Doch etwas lief anders, als ich es erwartet hatte: Den Kontakt zu den Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern musste man selbst suchen, da an dem Unterricht, den ich besuchte, fast ausschließlich andere Auslandsstudierende teilnahmen. Zum Glück habe ich durch einige Bekanntschaften, die ich schon in Deutschland geknüpft habe, Tandem-Freundschaften entwickeln können. Und etwas später traf ich meine jetzige Freundin.
Aufgrund dieser Erfahrungen — der anfangs frustrierenden Erlebnisse, der Alters- und Interessensunterschiede mit vielen Kommilitonen und Kommilitoninnen und des Wunsches, Japan von möglichst vielen Seiten zu erleben, inklusive engerer Kontakte mit Einheimischen — habe ich schon nach etwa einem Monat für mich eine Strategie entwickelt. Ich behaupte gar nicht, dass dieser Weg für alle der richtige ist, aber für mich hat er viel zum Positiven geändert. Ich durfte zahlreiche wertvolle Erfahrungen sammeln, Kontakte knüpfen, meine Japanisch-Kenntnisse verbessern und das Gefühl der Frustration, das ich anfangs hatte, deutlich reduzieren. Jetzt taucht es höchstens in Einzelsituationen kurz auf.
Meine Strategie wurde daher: den Kontakt zu anderen Auslandsstudierenden auf das Nötigste zu beschränken und stattdessen den Anschluss unter Muttersprachlern und auf eigene Faust das Land und die Menschen kennenzulernen. Das heißt jedoch keineswegs, dass ich den Kommilitonen und Kommilitonen verschlossen gewesen wäre. Ich verstehe mich gut mit den meisten, die ebenfalls als Auslandsstudierende hier sind. Doch am Wochenende und in den Ferien unternahm ich etwas für mich, allein oder zusammen mit meiner Freundin.
Minoh als Blase
Die ersten anderthalb Monate in Minoh waren mit einigen Anfangsschwierigkeiten verbunden. Ich wartete auf mein Stipendium, kam beim Knüpfen neuer Kontakte nur langsam voran — auch wenn ich an verschiedenen Events wie Sprachcafés und sogar an einer Sprachaustausch-Veranstaltung im November in Osaka-Hommachi teilnahm. Zwar unternahm ich ab November gelegentlich erste Reisen, doch an den Wochenenden verbrachte ich die meiste Zeit in meinem Zimmer im Studentenwohnheim.
Minoh wurde für mich in dieser Zeit zu einer Art Kapsel — einer Blase, die mich neckte: Ich war in Japan, und doch fühlte es sich nicht ganz so an. Minoh hatte relativ wenig von dem Japan zu bieten, das ich mir so sehr wünschte zu erleben. Es war ein merkwürdiges Gefühl — irgendwie war ich in Japan, und doch schien es manchmal, als wäre ich es nicht.
Das „Gefühl, in Japan zu sein“ kam manchmal für kurze Momente zurück, etwa wenn ich zu Fuß rund 25 Minuten nach Suita zu Hama Sushi spazierte, unterwegs die typischen japanischen Straßen sah und anschließend dort unglaublich leckere und günstige Sushi aß. In solchen Momenten erwachte in mir wieder das Glücksgefühl, das ich schon 2019 auf meiner ersten Japan-Reise gespürt hatte — auch wenn es sich meist schnell wieder legte, sobald ich zurück im Wohnheim war.
„Es ist okay“, machte ich mir Mut. „Ich habe noch genug Zeit, aus dieser Blase namens Minoh auszubrechen und Japan richtig zu erleben.“
Zum Glück sollte ich mit dieser Annahme mehr als recht behalten.
Ich, der schon zu diesem Zeitpunkt ein durchaus erfahrener Reisender war, hatte mehrfach überlegt, die wenigen Sehenswürdigkeiten Minohs zu erkunden und meine Wochenenden etwas interessanter zu gestalten. Ein Blick auf Google Maps brachte jedoch schnell Ernüchterung: Die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt, der Schrein Katsuo-ji (勝尾寺), liegt rund sieben bis acht Kilometer vom Wohnheim entfernt.
Das wäre an sich noch machbar gewesen – wenn man ihn leicht hätte erreichen können. Doch Katsuo-ji liegt weit oben in den Bergen, und ein Spaziergang dorthin würde automatisch in anstrengendes Bergsteigen münden. Und das bei dem vergleichsweise heißen Wetter, das in Japan selbst im Oktober noch herrscht – kein besonders verlockender Gedanke.
Zum Glück stand Ende November im Rahmen des Unterrichts ein gemeinsamer Klassenausflug mit dem Bus genau zu diesem Schrein auf dem Programm. Und ich muss sagen: Der Ort hat wirklich etwas Beeindruckendes. Besonders spannend fand ich die Bedeutung des Namens: Katsu (勝) steht für „Sieg“ oder „Gewinnen“, und der Besuch von Katsuo-ji (und eventuell der Kauf eines Daruma, dem ikonischen Glücksbringer des Schreins) soll einem angeblich zu „Gewinnerglück“ verhelfen.
Unser Besuch war allerdings auch wortwörtlich nass: Es regnete in Strömen, meine Füße wurden schnell klatschnass – angenehm war das nicht, aber es machte den Ausflug dennoch zu einer besonderen Erfahrung. Und so konnte ich am Ende doch noch die bekannteste Sehenswürdigkeit Minohs von meiner Liste streichen.
Zufall oder nicht – aber nach dem Besuch des Katsuo-ji wurde ich tatsächlich zum „Gewinner“: Kurz darauf erhielt ich endlich mein Stipendium sowie das längst überfällige Wohngeld, das mir noch zustand. Im Dezember lernte ich dann meine jetzige Freundin kennen – und noch im gleichen Monat wurden wir ein Paar. Außerdem begannen zu dieser Zeit auch die spannenden Reisen meines Japan-Aufenthalts.Der Uni-Alltag
An meinen Uni-Alltag in Minoh gewöhnte ich mich relativ schnell. Es entwickelten sich bestimmte Routinen und wöchentliche Abläufe, die größtenteils konstant blieben – auch wenn es immer wieder kleine Überraschungen gab. Es gab Unterricht, der mir Spaß machte, Unterricht, der sich eher zog, und auch eine Stunde, die mich im Dezember tatsächlich fast an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte... und die zufälligerweise auch thematisch eng mit Minoh verbunden war – was meine ambivalente Beziehung zu dieser Stadt weiter vertiefte. Doch dazu später mehr.
Unter den Kursen, die ich besuchte, gab es auch solche mit kulturellem Bezug, etwa Shodō (japanische Kalligraphie) oder ein Seminar zu Hayao Miyazaki. Beides war – besonders Shodō – nicht immer einfach, aber rückblickend spannende und bereichernde Erfahrungen.
Dazu kamen mehrere Sprachkurse in Japanisch (Grammatik, Konversation, Wortschatz), die mir bei meinem Fortschritt halfen, sowie ein Linguistikseminar, geleitet von einem charismatischen Dozenten aus der Slowakei – übrigens der einzige Nicht-Japaner unter meinen Lehrenden an der Uni Osaka. (Er unterrichtet inzwischen übrigens an der Universität Okayama.) Auch wenn nicht immer alles reibungslos verlief, war der Unterricht oft interessant, manchmal sogar unterhaltsam.
Ich stellte schnell fest: Auch wenn das Unterrichtsgebäude direkt neben dem Wohnheim liegt, sollte man dennoch mindestens 10–15 Minuten vorher losgehen. Der Grund: Es gibt nur zwei Fahrstühle im Wohnheim (ich wohne im 5. Stock), und ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der morgens zur gleichen Zeit loszieht. In die Fahrstühle passen vielleicht sieben Personen – und wer zu spät kommt, wartet eventuell lange.
Im Campusgebäude selbst wartet dann... das nächste Fahrstuhlproblem. Dort muss ich oft in den 7. Stock – und zu den Wohnheim-Studierenden kommen dann auch noch alle anderen, die von außerhalb pendeln. So entstehen Schlangen, Wartezeiten und das Gefühl: Ups – nur noch ein paar Minuten bis Unterrichtsbeginn!
Trotzdem: Bis heute (Stand Juni 2025) bin ich noch nie zu spät gekommen – auch wenn es an manchen Tagen ganz schön knapp wurde.
Nach dem Unterricht gehe ich meistens in einen der drei Kombinis in der Nähe (meistens 7-Eleven) und dann zurück ins Wohnheim. An Tagen, an denen ich viel zu tun habe, mache ich nach einem kurzen Nickerchen einen Abstecher in den Study Room, um Hausaufgaben zu erledigen oder zu lernen.
Das Minoh-Kadai und wie es mich zur Verzweiflung trieb
Es gibt einen besonderen Kurs an meiner Uni, den ich – genau wie alle anderen Studierenden meines Austauschprogramms – verpflichtend besuchen muss. Geleitet wird er von einer Dozentin, die zugleich so etwas wie unsere Tutorin oder "verantwortliche Klassenleiterin" ist. Wenn ich oder andere Austauschstudierende zum Beispiel während des Aufenthalts in Japan ins Ausland reisen möchten, brauchen wir ihre Unterschrift, um später mit dem Studentenvisum wieder einreisen zu dürfen.
Der Kurs heißt MDR und dreht sich um das sogenannte PBL – Project Based Learning –, mit dem ich zuvor relativ wenig Erfahrung hatte. Das Thema unseres Projekts war natürlich mit Minoh verbunden. Und das zentrale Stichwort, das wir dabei immer wieder hörten, lautete: Kadai (課題) – was auf Japanisch so viel bedeutet wie "Problem", "Thema" oder "Herausforderung". Unsere Aufgabe war es, ein Kadai zu finden und darauf unser ganzes Projekt aufzubauen.
Von Anfang an hatte dieser Kurs für mich eine seltsame Atmosphäre. Wenn ich heute – im zweiten Semester – zurückblicke, ist dieses Gefühl deutlich schwächer geworden, aber im ersten Semester hatte ich in diesem Unterricht fast durchgehend das Gefühl: Ich bin wieder in der Schule! Die Art, wie unsere Sensei uns ansprach, wie sie Fragen stellte, Themen erklärte oder auch Kritik äußerte, erinnerte mich stark an meine Schulzeit – und um ehrlich zu sein: nicht unbedingt an die angenehmsten Teile davon.
In den ersten Wochen erkundeten wir im Rahmen des Unterrichts das Minoh-Campus-Gebäude und die nähere Umgebung. Gut, das mag in manchen Punkten hilfreich gewesen sein – aber ganz ehrlich: Wenn ich wirklich Interesse gehabt hätte, hätte ich das auch selbst tun können. Diese Aktivitäten verstärkten bei mir eher das „Schulzeit-Gefühl“, das ich schon im ersten Teil des Unterrichts gespürt hatte.
Etwas interessanter wurde es, als wir im Unterricht das sogenannte Community Center von Minoh besuchten. Um ehrlich zu sein: Dieses Konzept war mir vorher nicht wirklich bekannt, und der Besuch war durchaus informativ. Es handelt sich dabei um eine Art Versammlungsort, wo sich die Stadtbewohnerinnen und -bewohner bei verschiedenen Aktivitäten wie Tänzen, Karaoke oder Teezeremonien einbringen können.
Klingt erstmal ganz nett – ist aber nur bedingt spannend, vor allem für jemanden in meinem Alter. Denn die Mehrheit der Teilnehmenden bestand (zumindest in Minoh) aus Rentnerinnen und Rentnern im fortgeschrittenen Alter. Natürlich kann der Austausch mit älteren Menschen bereichernd sein, man kann viel lernen – aber wenn man ausschließlich von japanischen Omis und Opis umgeben ist, fühlt es sich doch ein wenig… eigenartig an.
Und dann waren da noch die Omis, die tatsächlich Hula-Tänze aufführten – eine Erfahrung, die ich wohl so schnell nicht vergessen werde. In solchen Momenten spürte ich förmlich: Ja, Japan ist wirklich eine alternde Gesellschaft. Und mein Bild von Minoh begann sich allmählich zu verändern. Ich bekam den Verdacht, dass es sich bei dieser Stadt durchaus um einen jener Orte handeln könnte, die manche auch als „Rentnerparadies“ bezeichnen.
Dieses Gefühl wurde noch verstärkt, als wir im Rahmen des Unterrichts den Schrein Katsuo-ji besuchten – begleitet von einer Gruppe lokaler Guides, die allesamt… nun ja, ebenfalls deutlich jenseits des Rentenalters waren.
Diese Erfahrungen waren interessant – wenn auch irgendwo ambivalent. Doch all diese Ausflüge, Beobachtungen und Begegnungen hatten ein Ziel: Wir sollten auf ihrer Grundlage das besagte Kadai finden! Mir war jedoch von Anfang an nicht ganz klar, was ich als Kadai für mein Projekt wählen sollte. Denn: Das Thema musste sich auf die Stadt Minoh beschränken – und was für Probleme, auf die man als Auslandsstudent ernsthaft Einfluss haben könnte, sollte es hier schon geben?
Ich hielt die Augen offen: Rund um den Campus im Semba-Viertel wird viel gebaut – man merkt, dass die Stadt sich Mühe gibt, attraktiver zu werden. In den Bahnen der Midosuji-Linie sah ich immer wieder Werbeplakate für Minoh, die einluden, die Stadt zu besuchen oder sich dort niederzulassen. Ein paar Dinge fielen mir auf, etwa der Mangel an Fahrradwegen – aber das war kein spezifisches Problem Minohs, sondern eines, das ganz Japan betrifft. Und selbst wenn – was hätte ich als Austauschstudent da tun können?
Dann kam mir die Idee, so etwas wie einen Migrationsverein vorzuschlagen – in Deutschland war ich in solchen Organisationen einige Male aktiv. Ein Ort, wo sich ausländische Studierende und Bewohner beraten lassen könnten, erschien mir sinnvoll. Doch auch dieser Gedanke war „zu groß“. Sensei zerlegte den Vorschlag innerhalb von Minuten. „Was genau ist das Kadai hier?“, fragte sie – und als ich es zu erklären versuchte, stellte sie dieselbe Frage erneut. Und wieder.
Ich versuchte es weiter: Ein Sprachcafé für alle Minoh-Bewohner, ein Ort des Austauschs. Wieder: Zerpflückt. Ein ehrenamtliches Buddy-Programm zwischen Bewohnern und ausländischen Studierenden? Senseis Reaktion: „Glaubst du wirklich, die Leute haben Zeit dafür? Meinst du, sie machen das einfach so umsonst?“ Und: „Was, wenn sich gefährliche Leute als Buddys ausgeben?“ Keine meiner Ideen überlebte. Alles wurde auseinandergenommen, und ich wurde immer weiter mit der Frage „Was ist das Kadai?“ konfrontiert.
ICH WEIß ES DOCH AUCH NICHT!, hätte ich am liebsten gerufen. Minoh macht doch schon alles, um attraktiv zu sein! Ich bin kein Stadtplaner!
Im Dezember trieb mich diese scheinbar erfolglose Suche nach einem Kadai schier in den Wahnsinn. Ich konnte die Worte Kadai und Minoh nicht mehr hören. Die Situation wirkte sich sogar auf mein Japanisch aus – sobald Sensei mich etwas fragte, geriet ich ins Stocken, verlor das Selbstvertrauen, noch eigene Vorschläge zu machen oder mich überhaupt an Gesprächen mit ihr zu beteiligen. (Zum Glück ist es inzwischen etwas besser geworden.)
Mit Ach und Krach einigten wir uns schließlich darauf, dass ich als Projekt ein sogenanntes Willkommenspaket für neue Bewohner in Minoh vorschlagen würde. Ich präsentierte die Idee im Januar – nervös und angespannt. Immerhin: Sensei war zufrieden. Und der schlimmste Teil dieses Projekts war endlich überstanden.
Und doch... mag ich Minoh irgendwie
Wie schon gesagt, war meine Beziehung zu Minoh in diesen neun Monaten nicht immer einfach. Aber gibt es denn nicht auch etwas Gutes? Habe ich diese Stadt nicht trotzdem irgendwie lieb gewonnen? Ja, das habe ich.
Minoh ist vielleicht nicht mein Lieblingsort Nummer eins in Osaka, und meine Wochenenden verbringe ich meist lieber woanders. Doch das liegt weniger daran, dass ich diese Stadt nicht mag, sondern eher an der Lage und den Möglichkeiten, die andere Orte bieten.
Tatsächlich ist Minoh – zusammen mit Higashiosaka und Yao, über die ich in einem anderen Beitrag ausführlich berichtet habe – einer der wenigen Orte in Osaka, wo ich wirklich Zuflucht vor Menschenmengen finden kann. Es ist hier angenehm ruhig. Außerhalb der Universität, wo sich schon mal mehr Menschen versammeln, bleibt es in Minoh meist überschaubar. Auch wenn die U-Bahn an der Station Minoh-Semba-Handai-Mae, von der ich meistens losfahre, ankommt, findet man oft noch viele freie Sitzplätze. Erst ab der nächsten Station, Senri-Chuo, wird es nach und nach voller.
In den Straßen rund um die Uni gibt es einige gemütliche Cafés mit gutem Essen und leckeren Desserts. Besonders gerne mag ich zum Beispiel das Café About her, wo es köstliche Matcha-Muffins oder eine sehr gute Bolognese-Pasta gibt. Auch im Mother Moon Café habe ich zum ersten Mal eine Quattro-Formaggi-Pizza mit Honig probiert – eine überraschend beliebte Kombination in Japan, die ich zwar essen kann, nach wie vor aber doch eher die normale Variante ohne Honig bevorzuge.
Außerdem gibt es in Minoh ein Spielcenter, in dem ich einmal mit zwei Klassenkameraden war. Dort kann man sich stundenlang mit Spielen wie Tischtennis, Darts, Bowling, Kicker oder Karaoke beschäftigen – und natürlich fehlen auch die typischen Gacha-Gacha-Automaten nicht. Bei einem davon habe ich sogar eine niedliche Miffy-Figur gezogen, die leuchten kann – ein kleines Geschenk, das ich am nächsten Tag meiner Freundin überreicht habe, die ein großer Miffy-Fan ist.
Die Kombinis in Minoh sind gut ausgestattet – zumindest solange die Bentos nicht gerade ausverkauft sind, was gegen Abend durchaus mal vorkommen kann. Rund um den Campus gibt es gleich drei davon, und ich kenne noch mindestens zwei weitere in der Nähe.
Minoh ist also insgesamt eine angenehme, gut strukturierte Stadt – ideal zum Studieren. Für mich ist sie auch ein Ort der Ruhe und des Rückzugs geworden, besonders wenn ich mich mal nicht mit meiner Freundin treffe. Gleichzeitig ist Minoh ein guter Ausgangspunkt, um von hier aus Osaka zu erkunden oder auch Reisen in andere Regionen Japans zu unternehmen.
Wie schon erwähnt, verbringe ich meine Wochenenden am liebsten mit meiner Freundin in Higashiosaka oder Yao – einerseits, weil das praktischer ist, was ihren Wohnort betrifft, andererseits, weil es dort mehr Möglichkeiten gibt, gemeinsam etwas zu unternehmen. Inzwischen haben wir auch schon einige gemeinsame Lieblingsorte dort – und auch in Kobe, wo ihre Familie lebt.
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9 Monate in Minoh
Heute, am 25. Juni 2025, sind genau neun Monate vergangen, seit ich nach Japan kam – und damit auch nach Minoh. Seitdem habe ich viel gesehen, zahlreiche Erfahrungen gesammelt und viele Bekanntschaften geschlossen – in Minoh selbst, aber auch weit darüber hinaus. Mein Leben hier begann etwas holprig, doch nach und nach gewöhnte ich mich an vieles, begann Gefallen an kleinen Dingen zu finden und stellte mich Herausforderungen, die mir einiges abverlangten.
Meine Beziehung zu Minoh war nicht immer einfach – und dennoch habe ich diese Stadt mit der Zeit ins Herz geschlossen. In Japan bleibe ich voraussichtlich noch knapp drei Monate, aber in Minoh werde ich wohl nur noch etwas mehr als zwei davon wohnen. Und eigentlich... wenn ich ehrlich bin, wird der Juli wahrscheinlich der letzte Monat sein, in dem mein Alltagsleben noch überwiegend in dieser Stadt stattfindet. Danach enden die Lehrveranstaltungen, und damit auch die Routinen, die mich mit Minoh verbinden: die Nächte im Wohnheim unter der Woche, mein abendlicher Jasmin-Tee bzw. Hojicha vom Lawson, der tägliche Unterricht am Minoh Campus.
Mindestens ein Mal werde ich noch zu Takumi-san, dem netten Friseur im Stadtteil Semba, gehen. Noch einige Male werde ich vom Bahnhof Minoh-Semba-Handai-Mae losfahren – und zu ihm zurückkehren. Wenn alles gut läuft, nehme ich im August noch an der Abschlussfeier teil, bevor ich am Ende des Monats endgültig aus Minoh ausziehe – vielleicht schon mit einem stillen Abschied.
Das letzte Kapitel meines Lebens in dieser Stadt rückt näher. Und ich hoffe, dass die verbleibende Zeit hier noch schön wird. Wenn ich eines Tages wieder nach Japan zurückkehre, werde ich mit Sicherheit auch Minoh wieder besuchen.
Also: Minoh, これからもよろしくね。









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